Kann man sich durch schlechte Anlagen die Ohren "verbilden"?

Klatsch, Tratsch und was sonst die Welt noch so bewegt

Moderator: Moderation

Benutzeravatar
RainerG
Senior Member
Beiträge: 1411
Registriert: 20.06.2007, 08:41
Ort: Romrod (Oberhessen)

Kann man sich durch schlechte Anlagen die Ohren "verbilden"?

Beitragvon RainerG » 09.08.2017, 14:00

Hallo Kollegen,

Angeregt durch den Thread "Hochwertige Musikwiedergabe zum Taschengeldpreis" wo Wolfus schreibt: "
Wolfus hat geschrieben:Ich habe schon erlebt, dass Lautsprecher mit korrekter(!) Höhenwiedergabe abgelehnt wurden, weil die ja rauschen. :roll:

fällt mir dazu ein neues Thema ein, zudem mich mal Eure Ansicht interessiert.
Dieses von Wolfus beobachtete Phänomen kenne ich auch in ähnlicher Form, wo Leute die immer mit der billigsten Qualität zufrieden sind, hochwertige Wiedergabe /Aufnahmen nicht akzeptieren.
Ich kenne Fälle, in denen diese Spezies eher Amateuraufnahmen bevorzugt als Profiaufnahmen.

Meine Vermutung geht nämlich dahin, daß sich viele Leute ihre Ohren verbilden, verderben oder sonst wie ruinieren, weil sie jahrelang mit billigsten Anlagen ("Low-Fi-Anlagen") ihre Musik gehört haben und folglich nicht mehr in der Lage sind, kompetent über die (technische) Qualität einer Aufnahme zu urteilen.

Wie seht Ihr das?


Grüße
RainerG
Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur wieder auf (Quelle unbekannt).
Siege wenn Du kannst, verliere wenn Du mußt, aber kapituliere nie! (André Kudelski).
Lautsprecher verstärken nur die Stimme - nicht die Argumente! (Hans Kasper)

Benutzeravatar
Wilfried
Senior Member
Beiträge: 329
Registriert: 19.10.2011, 19:47
Ort: Kappeln, Deutschland

Re: Kann man sich durch schlechte Anlagen die Ohren "verbilden"?

Beitragvon Wilfried » 09.08.2017, 16:23

Ist wohl so, wie du es sagst. Vielleicht ein kleines erhellendes Ereignis:

14jähriges Mädchen zu Gast bei uns. Ich frage die Jugend
immer was sie so zur Zeit hört. Sie spielt mir strahlend ihr Lieblingslied
auf ihrem Schmierphone vor. Ich erkenne nix. Nur Gekrächtse. :shock:
Jedenfalls der Anfang vom Bolero war's sicher nicht. :mrgreen:
Ich sage was zur miesen Tonqualität. Antwort: Ich soll ihr schönes Lied
nicht schlecht reden! Ahja.
Eigentlich wollte ich das Lied dann im Studio unten anhören.
Da legte sie keinen Wert drauf, so das sich das dann erübrigte.

Heute ist sie bald 18. Werde meine Frage bei ihrem nächsten
Besuch wiederholen.
If you can't fix it with a hammer, you've got an electrical problem.

Stefanos Ioannou
Vollmitglied
Beiträge: 58
Registriert: 18.06.2014, 11:34
Ort: Nikosia
Ort: Detmold

Re: Kann man sich durch schlechte Anlagen die Ohren "verbilden"?

Beitragvon Stefanos Ioannou » 09.08.2017, 19:09

Als wahrscheinlich eines der jüngsten Mitgliedern hier muss ich sagen dass ich auch gerne Musik über Handy- oder iPadlautsprecher höre. Das hat eigentlich eher praktische Gründe. Wenn ich mal "richtig" Musik hören will, also ein ganzen Album oder ein längeres Stück dann mach ich das über meine Boxen. Klar gewöhnt man sich an den Klang von schlechten Lautsprechern und man kann sich bestimmt auch so sehr dran gewöhnen dass man es so will. Andererseits wer wirklich gern und viel Musik hört lernt es auch eine gute Abhöre zu schätzen und die anderen hören den unterschied sowieso nicht. Wenn selbst mein eigener Vater mich fragt warum man denn einen Song mischen muss wenn er doch so gut wie keinen Unterschied hört zu wenn die Spuren einfach irgendwie aufgezogen werden muss mann sich schon fragen ob wir denn nicht vielleicht einen Job machen denn nur ein kleier Teil der Konsumenten am Ende wirklich mitbekommt...

Benutzeravatar
juppy
Senior Member
Beiträge: 1900
Registriert: 20.06.2007, 09:23
Ort: Köln

Re: Kann man sich durch schlechte Anlagen die Ohren "verbilden"?

Beitragvon juppy » 10.08.2017, 05:46

Ich hatte mal vor einigen Jahren im Forum scherzhaft die Frage gestellt,
womit die Kollegen daheim Musik hören. Wenn ich mich recht entsinne,
hat mancher zugegeben, daß im Wohnzimmer nur einfache Geräte stehen
und zum konzentrierten (Musik)Hören ins Studio gegangen wird.

Aber ich denke, daß hier viele Kollegen selber ein Instrument oder gar in
einem Ensemble spielen und dort das Gehör und die musikalische Vorstel-
lung trainiert wird. Von daher ist die heimische Musikwiedergabeanlage nur
von zweitrangiger Bedeutung.

Deshalb macht die Fragestellung für mich nur in Bezug auf die Konsumenten
Sinn ...

Stefanos Ioannou
Vollmitglied
Beiträge: 58
Registriert: 18.06.2014, 11:34
Ort: Nikosia
Ort: Detmold

Re: Kann man sich durch schlechte Anlagen die Ohren "verbilden"?

Beitragvon Stefanos Ioannou » 11.08.2017, 10:15

juppy hat geschrieben:Aber ich denke, daß hier viele Kollegen selber ein Instrument oder gar in
einem Ensemble spielen und dort das Gehör und die musikalische Vorstel-
lung trainiert wird. Von daher ist die heimische Musikwiedergabeanlage nur
von zweitrangiger Bedeutung.


Auf jeden Fall. Selber Musik machen ist da ein ganz klarer Vorteil, selbst wenn man da alles aus einer anderen Perspektive hört. Das ist ja auch der Grund warum man in einem Tonmeisterstudium ein Instrument spielen muss.

Benutzeravatar
hafi69
Senior Member
Beiträge: 1127
Registriert: 19.06.2007, 23:44
Ort: Duisburg

Re: Kann man sich durch schlechte Anlagen die Ohren "verbilden"?

Beitragvon hafi69 » 11.08.2017, 11:56

Der wichtige Faktor - neben guten "Geschmack" für guten Klang - ist das Wissen um
den Naturklang der Instrumente, sei es "Solo" oder im Ensemble. Das gilt mit etwas
anderen Parametern auch für jede Art von elektrischer Klangerzeugung.
Wer beispielsweise nicht weiß wie ein Cello klingt wird wohl auch den Klang seines
U87-Derivates im Abstand von 10cm ungefiltert total super finden.

Von daher "verbildet" sich wohl niemand mit schlechten Anlagen die Ohren.
Durch die natürliche Adaption gewöhnt man sich schnell an jede Art von Klangbild.
Von daher verwundert weder, dass jemand "gerne" auf seiner Handyquäke hört,
noch, dass jemand es irgendwie schafft gute Mixe auf NS10 oder anderen objektiv
unzureichenden Abhörsituationen erstellt.
Allerdings fehlt meist ein guter Grund dies zu tun... :roll:

Benutzeravatar
Wolfus
Senior Member
Beiträge: 550
Registriert: 16.09.2009, 12:41
Ort: StIngbert
Ort: St. Ingbert
Kontaktdaten:

Re: Kann man sich durch schlechte Anlagen die Ohren "verbilden"?

Beitragvon Wolfus » 11.08.2017, 14:41

Leider verbildet nicht nur die Erfahrung mit Schrott-Lautsprechern/Anlagen. In meinem Wohnort betreibt ein Elektroladengeschäft auch einen nebenbei-Anlagenverleih. Auch nach Jahren (Jahrzehnten?) lässt der zugehörige Mann den Nahbesprechungseffekt unverändert stehen (mag es wohl so), und jede seiner Live-Absmischungen dröhnt in den Stimmen. Bei der betriebenen Lautstärke ist das nicht nur schlecht sondern extrem unangenehm (für mich) und intransparent. Die Anlage kann das besser, was mir bei Konservenwiedergabe sofort auffällt.

Ich habe schon ein paar mal überlegt. ob ich mal den einen oder anderen Tipp geben soll, will aber nicht Oberlehrermäßig erscheinen. Ich könnte ihn ja mal auf mein Geschreibsel hinweisen, denke aber, er wäre überfordert.

Ach ja, off topic zugegeben: Google hat mich bei "Tontechnik Grundlagen PDF" im Durchschnitt immerhin auf Platz 5, mich freut's 8-) .
'Though nothing shows, someone knows. I wish that one was me. (Procol Harum, Quite Rightly So)

Benutzeravatar
RainerG
Senior Member
Beiträge: 1411
Registriert: 20.06.2007, 08:41
Ort: Romrod (Oberhessen)

Re: Kann man sich durch schlechte Anlagen die Ohren "verbilden"?

Beitragvon RainerG » 11.08.2017, 20:57

Mein Gedanke in meinem Startposting galt in erster Linie dem Verbraucher zu Hause, weniger dem Produzierenden im Studio.
Allerdings kenne ich ein Studio, das früher die Lackfolien für Schallplattenmaster geschnitten hat. Und die dort tätige (sehr erfahrene!) Technikerin konnte ihren Kunden am Klangbild ziemlich genau sagen auf welcher Abhöre sie ihre Mixe gemacht hatten!


Wolfus hat geschrieben:
Ich habe schon ein paar mal überlegt. ob ich mal den einen oder anderen Tipp geben soll, will aber nicht Oberlehrermäßig erscheinen. Ich könnte ihn ja mal auf mein Geschreibsel hinweisen, denke aber, er wäre überfordert.


Laß' es Wolfus, solche Leute sind unbelehrbar! Der unterstellt Dir womöglich noch Du hättest keine Ahnung. Das geht vielleicht ein bis zweimal gut, und dann geht es im alten Trott weiter. Das Problem bei diesen Leuten ist nicht nur ihre verbildete Hörfähigkeit und -Hörgewohnheit, sondern auch ihr technisches Halbwissen; die glauben nämlich, wenn sie ein Elektroladengeschäft betreiben seien sie automatisch Fachleute für alle möglichen Dinge wo in irgendeiner Weise mit E-Geräten hantiert wird. Genauso sind professionelle Musiker nicht automatisch die geborenen Tester!

Ich kenne Fälle wo ein Gesangverein ein Anfrage wegen einer Aufnahme gemacht hatte und hinterher - als sie erfuhren was das kostet - sagten: "Ooooch, so teuer???, das macht unser Radio-und Fernsehfritze für 50 Mark!" . Über die Qualität des Ergebnisses braucht man anschließend nicht zu diskutieren, weil diese Leute das doch nicht wahrnehmen.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, daß solche dann die Amateuraufnahme bevorzugen (weil man da nicht so viele Mängel heraus hört). Auch hatte ich mal einem Chor einen Stundensatz für eine Aufnahme genannt worauf der Vereinsvorsitzende sagte: "Was??? soviel bezahlt man ja nicht einmal in einer Autowerkstatt!!"
(soll er sich doch die Aufnahme von einer Autowerkstatt machen lassen...)

Grüße
RainerG
Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur wieder auf (Quelle unbekannt).
Siege wenn Du kannst, verliere wenn Du mußt, aber kapituliere nie! (André Kudelski).
Lautsprecher verstärken nur die Stimme - nicht die Argumente! (Hans Kasper)

Benutzeravatar
sleepytomcat
Senior Member
Beiträge: 273
Registriert: 10.06.2013, 20:05
Ort: Halstenbek
Ort: Halstenbek

Re: Kann man sich durch schlechte Anlagen die Ohren "verbilden"?

Beitragvon sleepytomcat » 12.08.2017, 11:17

Wenn es etwas zu "verbilden" gibt, muss es zuerst einmal "gebildet" worden sein.

Ein Gehör und ein verarbeitendes Gehirn kann sich wohl an einen Eindruck gewöhnen. Der ist dann im Vergleich gut oder schlecht/mangelhaft. Ob ein Gehör nach Beaufschlagung mit mangelhaften Eindrücken nicht mehr in der Lage ist, eine mangelfreie Aufnahme zu erkennen bezweifliche ich. Entscheidend sind Lernprozesse, die nicht automatisch zu einer Auslöschen bereits gelerntem führen müssen.

Wer nie erlebt hat, wie eine gute Produktion klingt wird schwerlich einen Vergleich anstellen können.
Wer erlebt hat, wie eine gute Produktion klingt, kann Mängel einer schlechten Produktion erkennen.
Einmal erlerntes vergisst ein Gehirn erfahrungsgemäß nicht.
Das Hören schlechter Produktionen/Wiedergabe wird m. M. nach nach o. Feststellung das erlernte nicht löschen.
Der Kater

Der Horizont vieler Menschen ist ein Kreis mit dem Radius Null - und das nennen sie ihren Standpunkt.
— Albert Einstein —
Elektrische Geräte kennen 3 Zustände:
eingeschaltet, ausgeschaltet, kaputt
— Wau Holland —

Benutzeravatar
RainerG
Senior Member
Beiträge: 1411
Registriert: 20.06.2007, 08:41
Ort: Romrod (Oberhessen)

Re: Kann man sich durch schlechte Anlagen die Ohren "verbilden"?

Beitragvon RainerG » 12.08.2017, 15:25

sleepytomcat hat geschrieben:Wenn es etwas zu "verbilden" gibt, muss es zuerst einmal "gebildet" worden sein.

Ein Gehör und ein verarbeitendes Gehirn kann sich wohl an einen Eindruck gewöhnen. ..........
......
Einmal erlerntes vergisst ein Gehirn erfahrungsgemäß nicht.
Das Hören schlechter Produktionen/Wiedergabe wird m. M. nach nach o. Feststellung das erlernte nicht löschen.


Das glaube ich Dir voll und ganz. Vielleicht habe ich mich da bei meinem Ausgangsposting etwas unpräzise ausgedrückt:
ich meinte viel mehr, daß wenn jemand nie gelernt hat, mit hochwertigem Equipment zu hören - jahrelang nur Qualität "Küchenradio" gehört hat - wird nicht in der Lage sein, eine hochwertige Wiedergabe einer technisch und musikalisch guten Aufnahme zu akzeptieren. Aus meiner Erfahrung mit solchen Personen wird dann z.B. eine saubere Höhenwiedergabe als "zischen" empfunden.
Auch in Erfahrung mit Profimusikern habe ich hin und wieder festgestellt, daß sie es völlig ungwohnt empfinden, wenn sie ihre eigenen Darbietungen (z.B. bei Choraufnahmen) über professionelle Studio-Regielautsprecher abhören, weil sie plötzlich Dinge hören, die sie einfach nicht gewohnt sind. Geräusche aus dem Saal oder von der Bühne werden dann oft als "Knacker" auf der Aufnahme empfunden. Hatte ich mal bei einem Dirigenten, der behauptete, auf meiner Aufnahme seien Knacker drauf. Es waren aber knackähnliche Geräusche die eindeutig aus dem Bereich der Bühne kamen. Dann kommt mitunter das Argument: "Ja - wer hat denn schon so eine Anlage?"
Mitunter ist es dann schon eine Kunst, den Leuten begreiflich zu machen: Mikrofone sind unbestechlich!


Grüße
RainerG
Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur wieder auf (Quelle unbekannt).
Siege wenn Du kannst, verliere wenn Du mußt, aber kapituliere nie! (André Kudelski).
Lautsprecher verstärken nur die Stimme - nicht die Argumente! (Hans Kasper)

Benutzeravatar
juppy
Senior Member
Beiträge: 1900
Registriert: 20.06.2007, 09:23
Ort: Köln

Re: Kann man sich durch schlechte Anlagen die Ohren "verbilden"?

Beitragvon juppy » 12.08.2017, 22:10

RainerG hat geschrieben:...
Hatte ich mal bei einem Dirigenten, der behauptete, auf meiner Aufnahme seien Knacker drauf.
...
Dann kommt mitunter das Argument: "Ja - wer hat denn schon so eine Anlage?"

Hallo Rainer, lese ich aus Deinen Zeilen so eine Art von Berufsfrust heraus :?:

Benutzeravatar
sleepytomcat
Senior Member
Beiträge: 273
Registriert: 10.06.2013, 20:05
Ort: Halstenbek
Ort: Halstenbek

Re: Kann man sich durch schlechte Anlagen die Ohren "verbilden"?

Beitragvon sleepytomcat » 12.08.2017, 22:43

Das die Aufnahme des eigenen Instrumentes und auch der Gruppe von Instrumenten in welcher selber musiziert wird meist anders empfunden wird ist doch einfach zu erklären: Es sind die eigenen Ohren, die im Hirn einen Eindruck entstehen lassen. Was die Mikrofone aufnehmen und über die Abhöre des Tonis wiedergegegeben, der das, was er hört zudem nach seinen Ohren verändert, ist etwas vollkommen anderes. Mikrofone und auch der weiterverarbeitende hören anders, als wir selber.

Wer musiziert, muss eine Vorstellung davon haben, wie es klingen kann und wie weit es mit dem übereinstimmt, was andere hören oder erwarten.

Das ist oft schwierig. Ein gutes Training ist der Vergleich von der Aufnahme der eigenen Sprache (auch des Gesangs) mit dem, was wir selber bei uns hören. Natürlich spielt hier die Knochenschallübertragung eine Rolle, aber den Umgang mit seiner Stimme (ist ja auch ein Instrument), lernt man am besten durch Hörvergleiche mit Aufnahmen von sich selbst.

Das jemand, der nie eine gute Aufnahme hörte, sie nicht erkennen und werten kann, halte ich für nicht haltbar. Empfindungen, und dazu gehört auch Hören ist erlernbar und kann gefestigt werden. Dazu ist im Einzelfall Anleitung und Bewusstbarmachung erforderlich.
Ich hätte nie die Fähigkeit erlangen können einzelne Instrumente in einem Orchester sauber "heraushören" zu können, wenn ich es nicht unter Anleitung gelernt hätte ("Verfolgen sie einmal das von Oboe aufgenommene Thema im Tutti!")
Der Kater

Der Horizont vieler Menschen ist ein Kreis mit dem Radius Null - und das nennen sie ihren Standpunkt.
— Albert Einstein —
Elektrische Geräte kennen 3 Zustände:
eingeschaltet, ausgeschaltet, kaputt
— Wau Holland —

manjak
Senior Member
Beiträge: 156
Registriert: 28.05.2016, 09:10
Ort: Sehnde

Re: Kann man sich durch schlechte Anlagen die Ohren "verbilden"?

Beitragvon manjak » 14.08.2017, 22:25

Moyn Zusammen,

alle Sinne die wir Menschen haben funktionieren nur durch Training unseres Gehirns. Wir Lernen um zu lernen, will sagen, nur wer lernt wird auch die Fähigkeit erlangen sich weiteres Wissen anzueignen. Und je weniger wir diese Fähigkeiten fördern und je älter wir werden, desto schlechter wird die Funktion im Gehirn unterstützt werden.

Wer, so wie ich, erst als jugendlicher erblindet, wird in der Regel bei der Taktilität nie das Niveau erreichen, das ein Geburtsblinder erlangt hat. Und je älter man wird, ich kenne das aus meiner täglichen Berufspraxis, wo ich entsprechende Technologien an Blinde verkaufe, dass es eine Abhängigkeit zwischen alter und Fähigkeit Braille zu lesen gibt. Jemand der mit 60 Blindenschrift lernen will, wird feststellen, dass beim Lesen kaum von einem Lesefluss zu sprechen ist, egal wie viel er trainiert.

Ebenso verhält es sich beim Hören. Wir müssen hier zwischen der physikalischen Fähigkeit einen Ton zu Hören und der Fähigkeit das gehörte im Gehirn zu verwerten unterscheiden. Die Frage also, ob ein Ton, z.B. von einem Instrument da ist und die Frage, ob ich diesen Ton als Hörer wahrnehme, sind zwei verschiedene Dinge. Darauf basieren ja auch alle Kompressionsverfahren. Je schlechter mein Gehör gebildet ist, desto eher werde ich mit einer geringeren Komprimierungsrate zufrieden sein und umgekehrt.

Deshalb denke ich, dass jemand der kontinuierlich seine Musik über irgendwelche Quäker abhört, kaum über ein differenziert ausgeprägtes Wahrnehmungsvermögen von Musik verfügen wird. Je mehr ich mein Gehör aber gebildet habe, desto stärker werden meine Ansprüche in diesem Bereich sein, weil mein Gehör auf die Wahrnehmung von Einzelheiten durch das Gehör geschult ist.

Ich erinnere mich noch gut, wie ich bei einer Bekannten Musik hörte und sofort wahrnahm, dass die Hochtöner und ein Mitteltöner defekt waren. Da kam eigentlich nur noch rascheln raus. Die Bekannte hat das überhaupt nicht wahrgenommen. Als die Boxen dann repariert waren, meinte Sie dann schon, dass das anders klingt, aber von selbst wäre ihr das nicht aufgefallen.

Dabei ist auch noch zu beachten, dass das gehör sehr stark subjektiv arbeitet. Ich kann mich an eine Forschungsstudie einer Kanadischen Universität erinnern, wo man herausgefunden hat, dass man das absolute Gehör verstellen kann. Die Studentin hatte bei Ihrem prof., als dieser am E-Piano spielte, langsam den Ton über den Pitch nach oben geregelt (Zeitraum 15 Minuten um einen Halbton ). Der Prof hat das nicht gemerkt, obwohl er ein ausgezeichnetes absolutes Gehör hatte. A war für Ihn hinterher ein Gis. Er konnte das Gehör dann wieder schnell kalibrieren, aber das Gehör arbeitet halt nicht so absolut wie wir denken würden. Das ganze wurde dann in einer Feldstudie erprobt und erbrachte dies auch als generelles Ergebnis.

Wer ein gut geschultes Gehör hat, wird bei guter Technik auch seine Wahrnehmung einsetzen, kann es aber durch schlechte Technik nicht schädigen. Wer aber immer mit miserabler Technik hört, kann die akustische Vielfalt gar nicht oder nur schlehct v erwerten. Und je älter wir werden, desto mehr nimmt die Fähigkeit ab unsere Sinne fortzubilden.

Viele Grüße
Manfred






w
Viele Grüße
Manfred

Die meisten Blinden können sehen!

Benutzeravatar
janosch
Senior Member
Beiträge: 264
Registriert: 12.11.2007, 08:16
Ort: Brandenburg

Re: Kann man sich durch schlechte Anlagen die Ohren "verbilden"?

Beitragvon janosch » 15.08.2017, 03:42

RainerG hat geschrieben:Geräusche aus dem Saal oder von der Bühne werden dann oft als "Knacker" auf der Aufnahme empfunden. Hatte ich mal bei einem Dirigenten, der behauptete, auf meiner Aufnahme seien Knacker drauf. Es waren aber knackähnliche Geräusche die eindeutig aus dem Bereich der Bühne kamen.

Solche „Knackser“ kommen praktisch bei jeder Liveaufnahme vor. Sie sind nicht nur über Studiomonitore zu hören, sondern auch über einigermaßen taugliche Heimanlagen. Jedes heftige Seitenumblättern des Dirigenten produziert sie, dazu kommen Abstellgeräusche von Blasinstrumenten auf ihren Ständern beim Wechsel von einem Instrument auf das andere während des Stücks, umblättern an den Streicherpulten und noch viele Gelegenheiten mehr (Taktstock schlägt aufs Dirigentenpult usw. usf.). Manche sind eindeutig identifizierbar (wie vorgenannt), andere nicht. Diese anderen nenne ich „Geisterknackser“, weil ich nicht navollziehen kann, woher sie stammen.

Eine meiner zeitraubendsten Tätigkeiten bei der Nachbearbeitung von Liveaufnahmen ist die Eliminierung sowohl eindeutig identifizierbarer Knackser, als auch der „Geisterknackser“. Das geht leider nicht automatisiert, weil sonst auch jegliche andere Dynamikspitze eliminiert würde, mit fatalen Folgen. Deshalb muss jeder Knackser manuell entfernt werden.

Macht ihr das anders?

Zum eigentlichen Thema kann ich nur vorgenanntes wiederholen: Wer Hörerfahrung besitzt, dessen Hörsinn wird sich auch durch schlechte Wiedergabe nicht verbilden. Aber er wird es dennoch schätzen, eine bisher immer nur auf einer schlechten Anlage gehörten Aufnahme auf einer guten zu hören.
Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben. Man muß auch unfähig sein, sie auszudrücken. (Karl Kraus, 1874–1936)

manjak
Senior Member
Beiträge: 156
Registriert: 28.05.2016, 09:10
Ort: Sehnde

Re: Kann man sich durch schlechte Anlagen die Ohren "verbilden"?

Beitragvon manjak » 15.08.2017, 08:12

Moyn Zusammen,

ich habe gerade den Beitrag zum absoluten Gehör gefunden. Es ging beid er Veränderung um 1/3 Halbtonschritt.
Ich habe den Artikel mal auf meinen FTP gelegt.

www.ipd.gmbh/jaklin/ag.zip

Viele Grüße
Manfred
Viele Grüße
Manfred

Die meisten Blinden können sehen!


Zurück zu „Wiener Kaffeehaus“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 3 Gäste