Analoges Feeling in der digitalen Welt

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alex
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Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon alex » 29.03.2016, 05:02

Tonzauber hat geschrieben:Wichtig ist es sein Werkzeug zu kennen, und zu wissen wie man es einsetzt. Der Rest ist Geschmacksfrage.


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Grüße, alex
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Stefan_G
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Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon Stefan_G » 02.04.2016, 20:39

Ich habe vor einer Weile für die Sängerin einer Jazz Combo eine Mikrofon Emulation von Antares eingesetzt.
Kostet zwar $129,-, das ist aber immer noch billiger als sich die ganzen Mikrofone in den Schrank zu legen.
Natürlich ist es nicht das selbe - es ändert ja nciht den Klang analog zur Einsprechrichtung, etc.
In diesem Fall hat es aber genau die richtige Würze zu einem vertretbaren Tarif geliefert.
Herzliche Grüße
Stefan

jaykeys
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Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon jaykeys » 02.04.2016, 22:36

Yo! Danke für Eure Antworten.
Wissenschaftliche Aussagen sind ja schön und gut, machen aber die Musik und die Aufnahme nicht einen Deut besser. Ja, ich behaupte sogar, dass zu viel Wissen ein Hemmschuh sein kann. Neugierde und Kreativität sind das, was die Evolution in der Kunst auslöst. Danach erfolgt lediglich Anpassung.
Um's kurz zu machen: ich bin überzeugt, dass wir in unserer technisierten Welt SATT sind, und zurück zu den einfachen und nicht ganz so perfekten Dingen streben.

BTW ... ich finde die Pultemulation von SKnote sehr gut gelungen.
Jetzt.

Stefan_G
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Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon Stefan_G » 02.04.2016, 23:06

Naja, so würde ich es nun nicht ganz sehen.
Im Orchester ist es in der Regel ziemlich anstrengend, wenn Leute keine Ahnung haben und genau das zur Qualität erheben wollen.
Und der jüngst verstorbene Harnoncourt hat bewiesen, dass Wiisen die Musik nicht nur einen Deut besser macht.

Aber das mag in anderen Musikbereichen durchaus anders sein.
Herzliche Grüße
Stefan

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hafi69
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Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon hafi69 » 03.04.2016, 01:37

"Analoges Feeling in der digitalen Welt" - das ist für den vom Marketing verseuchten Amateur vermutlich so was wie
"fetter warmer Sound, seidige Höhen, Mojo, der Sound der Legenden"...
Für Menschen mit Erfahrung die tatsächlich mal "analog" gearbeitet haben ist es das eben nicht.
In erster Linie erinnert man sich wohl an analoge Magnetbänder.
Das "Feeling" das diese Erzeugen:
Umständliches Band einfädeln, hohe Kosten, Einmessen, Spulzeiten, Eigenklang, Dropouts,
z.T. Spuren die nicht 100% funktionieren, Rauschen (!!), Verzerrungen, Zeitaufwand, Stress etc pp.
(und das schreibe ich obwohl ich den optischen Reiz eines Spulentonbandgerätes schon als Kind "sexy" fand...)

Alles andere was "analoge Klangästhetik" schlechthin ausmacht lässt sich spielend digital simulieren - wobei hervorzuheben ist
dass es nicht "den" analogen Klang gibt - vom Rauschen vielleicht mal abgesehen.

Ja, ich behaupte sogar, dass zu viel Wissen ein Hemmschuh sein kann. Neugierde und Kreativität sind das, was die Evolution in der Kunst auslöst.

Vielleicht wird als Allgemeinplatz da irgendwann ein Schuh daraus wenn man es darauf anlegt, in unserem Gewerk ist das eine
ziemlich unreflektierte wie grundfalsche Behauptung.
Nicht wer seine Werkzeuge NICHT kennt ist der Unkreative. Vor allem kann man sich Ewig in Banalitäten und Unwichtigkeiten verrennen,
wenn eine substanzielle Kenntnis der entscheidenden Faktoren fehlt.
Abgesehen von Mikrofon-Grundlagen die an so manchen Tonwerker hoffnungslos vorbeigehypt sind ist ein Thema in den letzten Jahren
ohrenfällig komplett ignoriert worden: Der Equalizer, seine Funktionsweise und seine mächtigen Anwendungen.
"Analoges Feeling " im besseren Sinne liefert damit jede DAW heute frei Haus mit.

ich bin überzeugt, dass wir in unserer technisierten Welt SATT sind, und zurück zu den einfachen und nicht ganz so perfekten Dingen streben.
BTW ... ich finde die Pultemulation von SKnote sehr gut gelungen.

Mal abgesehen vom Widerspruch in sich - warum eine "Pultemulation" installieren, wenn es "einfach" sein soll -
ist die Welt nicht ganz so einfach, um sie auf den schon im Kern unlogischen Satz "weniger ist mehr" zu reduzieren.

Ich verzichte zwar sehr gerne auf eine Auswahl von 16 Vollwaschmitteln und 1542 Staubsaugerbeuteltypen, möchte aber die Perfektion
der digitalen Audiowelt niemals mehr gegen anachronistische Technik des vorigen Jahrhunderts eintauschen, egal welche "Philosophie"
sich dahinter verbergen mag.

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juppy
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Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon juppy » 03.04.2016, 03:08

hafi69 hat geschrieben:
Ja, ich behaupte sogar, dass zu viel Wissen ein Hemmschuh sein kann. Neugierde und Kreativität sind das, was die Evolution in der Kunst auslöst.

Vielleicht wird als Allgemeinplatz da irgendwann ein Schuh daraus wenn man es darauf anlegt, in unserem Gewerk ist das eine
ziemlich unreflektierte wie grundfalsche Behauptung.

Mein Gedanke dazu war:

Das kann man auch als "Interpret" so sehen, wenn es einem egal ist,
ob eine Bach-Toccata oder ein Debussy nach Czerny oder sonst was
klingt. Von einer "Kunstlied-Interpretation" einmal ganz abgesehen,
zu der nicht nur das Lesen des Liedtextes und der Noten gehört.

Irgendwie erinnert mich die These vom Hemmschuh an den Spruch

"Wissen ist Macht. Ich weiß nichts - macht nichts ..."


Ansonsten gibt es auf youtube genug Beispiele, die nach dem Motto
- siehe Zitat oben - produziert wurden. Inhaltsleer und schlecht her-
gestellt. Natürlich kann man das zur "künstlerischen" Maxime erheben.

Ich wüßte ad hoc keinen Künstler, der ohne fundierte Grundlagen
(= Studium) nennenswertes geleistet hat, egal, ob Musiker, Maler,
Architekt, Fotograf etc.. Man darf mich gerne korrigieren ...

Hugo Wolff, an seinen Vater, hat geschrieben:Die Kunst ist grausam. Sie duldet nichts halbes, nichts gemachtes.

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alex
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Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon alex » 03.04.2016, 10:58

hafi69 hat geschrieben:Nicht wer seine Werkzeuge NICHT kennt ist der Unkreative.


Ich glaube hier wäre eine Negation weniger wirklich mehr gewesen :blbl:

Ansonsten bin ich ganz bei dir, was die historische Bewusstlosigkeit und den geradezu rührenden Mangel an Grundlagenkenntnis und praktischer Erfahrung jener angeht, die – aus welchen Gründen auch immer – die Arbeitsweise vergangener tontechnischer Epochen, die sie aufgrund der Gnade ihrer späten Geburt selber gar nicht miterleben konnten, als "cool", "hip", "krass", "geil" oder sonstwas empfinden.

Ich frage mich, wie solche tontechnische Jungspunde wohl reagieren würden, wenn sie nur mal beispielsweise mit der Arbeitsweise des (erst seit Beginn der Digitalära so genannten) "blutigen Bandschnitts" konfrontiert würden – mangels technischer Alternative immerhin fast fünfzig Jahre lang täglich geübte Praxis in sämtlichen Tonbearbeitungsräumen rund um die Welt? Auf diese Weise hätten sie wahrlich Gelegenheit, quasi hautnah zu erleben, was "analoges Feeling" in der Praxis tatsächlich bedeutet :mrgreen:

Hier zwei kurze Beispiele von typischen Anfänger-Schneideübungen. Vor knapp vierzig Jahren habe ich mit solchem und ähnlichem Material als Tutor meinen Tontechnik-Kommilitonen erste Grundkenntnisse im Bandschnitt - neudeutsch "Editing" - vermitteln geholfen.

https://www.youtube.com/watch?v=ELuQxxbBQGU

https://www.youtube.com/watch?v=DFi_l41_blc

Ein paar Anmerkungen dazu:

Ein bisschen "türken" musste ich für diese Beispiele schon. Analogschnitt war im richtigen Leben meist komplexer, weil die gewünschten Takes nie so brav aufeinander folgten wie bei meinen Beispielen. Fast immer waren sie auf mehrere Rollen verteilt, und falls sie zufällig auf derselben lagen, dann meist an entgegengesetzten Enden. Da ich aber niemandem zumuten wollte, bei ständigem Bandwechsel oder minutenlangem Umspulen sich königlich zu langweilen, zeigen die Demos die Light-Version.

Aufmerksamen Beobachtern entgeht bestimmt nicht, dass ich bei einem der Musikschnitte etwas länger nach dem korrekten Anschluss suchen darf. Das kommt davon, wenn man für einen Moment vergisst mitzuzählen und sich stattdessen ausschließlich aufs musikalische Gedächtnis verlässt (sollte man in meinem Alter vielleicht nicht tun :opa: )

Zum Ausgleich durfte ich den letzten Sprachschnitt um eine Achtelsekunde verschieben, weil ich bereits in dem Moment wieder vergessen hatte, dass der Sprecher nur die letzte Silbe wiederholte. Solche Patzer habe ich einfach drin gelassen, sowas gehört mit zum Handwerk, finde ich.

Insgesamt empfinde ich meine Bewegungen zuweilen als leicht fahrig. Der Grund: mir war ziemlich kalt. Zudem hatte ich meine Brille nicht auf und habe deswegen quasi auf Autopilot gearbeitet. (Alternative wäre gewesen, fürs Kleben jedes Mal meine Brille abzunehmen und danach wieder aufzusetzen, das war mir aber zu blöd.)

Grüße, alex
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RainerG
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Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon RainerG » 03.04.2016, 11:57

Hallo Kollegen,

Nun muß ich auch wieder einmal meinen Cetchup dazu geben:

Wer behauptet, daß zu viel Wissen nur schaden würde, der verkennt, daß die ganze moderne Tontechnik (und überhaupt auch die ganze Foto- und Videotechnik, Computertechnik etc.) das Ergebnis von gestandenem Ingenieurwissen ist und nicht nach dem Motto erfolgte: "Stecken wir mal den Stecker ein, wenn's knallt war was falsch". Und Ingenieurwissen basiert nun mal auf streng mathematischen und physikalischen Grundlagen, gepaart mit praktischen Erfahrungen.
Wohin es führt, wenn Halbwissen und Halbwahrheiten die Tenne leeren und fegen, sehen wir ja bei den ganzen Hifi-Freaks wenn sie mit allerlei pseudowissenschaflichen Experimenten den Klang ihrer Anlage zu verbessern versuchen. In diesem Zusammenhang erinnere ich immer wieder an Jörg Wuttke's Aufsatz: "Das Mikrofon zwischen Physik und Emotionen".
Was nämlich dabei - und gerade in der Tontechnik - wichtig ist: Die strenge Trennung zwischen den physikalisch-technischen Zusammenhängen und den künstlerischen Dingen in der Musik! Und genau darauf zielt auch JW's Aufsatz ab.
Vermischung harter physikalischer Fakten mit emotionalen Momenten führt immer in eine Sackgasse und kann sogar in einer Katastrophe enden! Halbwissen ist in allen Bereichen des Lebens nur schädlich, nicht nur in der Technik. Am schlimmsten ist m.E. medizinisches und juristisches Halbwissen.

Was Alex hier schreibt über die "tontechnikschen Jungspunde" die einmal in die Situation kommen müßten einen "blutigen" Bandschnitt auszuführen kann ich nur mit Nachdruck unterstreichen!
Ich habe in einem früheren Posting schon einmal gesagt, daß wenn es mir nach ginge unsere Studenten erst einmal auf einer alten Telefunken M5 bei 38 cm/s - oder noch besser bei 76cm/s - schneiden lernen würden. Und erst wenn sie das können an eine DAW dürften! Denn dann würden sie erst mal hören lernen und nicht nach den Hüllkurven auf einem Bildschirm optisch zu schneiden versuchen (was im Grund genommen niemals 100% genau wird): Eine Pop-Aufnahme anhand der Schläge des Schlagzeugs auf dem Bildschirm rein optisch zu schneiden ist ja nicht weiter schwer, aber.... man versuche mal rein optisch gregorianische Gesänge zu schneiden die in einer halligen Kathedrale aufgenommen wurden...
Denn wenn ich sehe, welchen Murks unsere Studenten bei ihren Laborübungen häufig verzapfen, geht mir der Hut hoch! Die wollen gleich Videoproduktionen in 4k-Technik und möglichst 5.1-Surround (oder höher) machen, können aber nicht mal 'ne ganz normale Kamera gerade halten und beherrschen 2-Kanal- Stereo nicht mal, geschweige saubere Tonschnitte machen.

MfG
RainerG
Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur wieder auf (Quelle unbekannt).
Siege wenn Du kannst, verliere wenn Du mußt, aber kapituliere nie! (André Kudelski).
Lautsprecher verstärken nur die Stimme - nicht die Argumente! (Hans Kasper)

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Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon alex » 03.04.2016, 12:35

RainerG hat geschrieben:Was nämlich dabei - und gerade in der Tontechnik - wichtig ist: Die strenge Trennung zwischen den physikalisch-technischen Zusammenhängen und den künstlerischen Dingen in der Musik! Und genau darauf zielt auch JW's Aufsatz ab.

Auf die fatalen Folgen unangemessener Vermengung der Bereiche "Elektroakustik" und "künstlerische Ausführung" hat Peter Burkowitz schon vor 54 Jahren in der Funkschau hingewiesen. Dort schilderte er unter anderem, wie deutsche Techniker der frühen 1950er Jahre alles darum gaben, vermeintlich überlegene amerikanische Mikrofontechnik in deutschen Studios einzusetzen, nur um festzustellen, dass die heimischen Künstler über die angeblichen Wundermikrofone mitnichten besser "rüberkamen" als mit den vertrauten Neumannflaschen oder den frühen deutschen Nachkriegsmodellen. Demgegenüber hatten die amerikanischen Kollegen mit dem umgehenden Import deutscher Schallfänger (allen voran natürlich das U47, um das die Legendenbildung heutzutage anscheinend gar keine Schamgrenze mehr kennt) mehr Glück, denn diese erwiesen sich den damaligen Inlandserzeugnissen als um Klassen überlegen. So kann's kommen, wenn man "Ausführung" und "Technik" nicht klar voneinander trennt, "Ursache" und "Wirkung" miteinander verwechselt ... :opa:


RainerG hat geschrieben:wenn es mir nach ginge unsere Studenten erst einmal auf einer alten Telefunken M5 bei 38 cm/s - oder noch besser bei 76cm/s - schneiden lernen würden.

Zufälligerweise war es eine M5, auf der ich (noch vor dem Tonstudium) meine ersten Schneideversuche anstellte. Mit ähnlichen Hintergedanken lasse ich Tonstudenten gerne auch mal eine überzeugende Monoaufnahme mit einem mittelmäßigen Mikrofon (Beispiel: Sennheiser MD21) herstellen, statt ihnen dabei zuschauen (und zuhören!) zu müssen, wie sie bei ihrer ersten Aufnahme versuchen, mit 24 Mikrofonen zu jonglieren und dabei rettungslos auf die Schnauze (und mir auf die Ohren und Nerven) fallen.

Die Ergebnisse solch grundlagenbefreiten Vor-sich-hin-wurschtelns wurden und werden dann spätestens in praktischen Abschlussprüfungen serviert, wenn Studenten zum Beispiel nicht bemerken, wann Stützen zu stark beteiligt sind. Oft schlage ich dann den Studenten nach Abschluss ihrer Balanceeinstellungen vor, kontrollhalber mal eben das Hauptmikrofon abzuschalten (wie sich 30 Jahre später herausstellte, verwendete auch ebs dieselbe Methode bei seinen Berliner Eleven). Mit schöner Regelmäßigkeit ergibt sich dadurch keine klangliche Änderung, doch begreifen die meisten Studenten die Implikation nicht. Es ist halt eine ganz andere Generation …


RainerG hat geschrieben:man versuche mal rein optisch gregorianische Gesänge zu schneiden die in einer halligen Kathedrale aufgenommen wurden...

Zwei weitere Beispiele aus der Königsklasse: Streichquartett oder Holzbläserensemble. Man glaubte gar nicht, wie früh man z.B. bei einem leisen, tiefen Klarinettenansatz markieren musste, und dann war er immer noch angeschnitten …

Grüße, alex
Zuletzt geändert von alex am 03.04.2016, 17:31, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon Tonzauber » 03.04.2016, 13:45

Lieber Alex,

tolle Videos, vielen dank!
Die erinnern mich, dankbar zu sein den blutigen Bandschnitt zwar noch gelernt zu haben; aber ich musste ihn kommerziell nie einsetzen. DAW sei Dank!

Das Hören ist das A und O, heute wird man aber gerne durch myriarden unterschiedlich blinkender Anzeigen abgelenkt.

Das Überstützen von Aufnahmen bemerke ich auch oft; liegt das an geänderten Klangvorstellungen, alles "nah" haben zu wollen?
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Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon juppy » 03.04.2016, 14:48

Tonzauber hat geschrieben:Das Hören ist das A und O, heute wird man aber gerne durch myriarden unterschiedlich blinkender Anzeigen abgelenkt.

Solange man nicht als Cutter Schnittlisten abarbeitet, kommt man schon bei der Auswahl der zu
schneidenden Takes nicht ums Hören drumrum. Dabei helfen bisher keine blinkenden Anzeigen. ;)

Tonzauber hat geschrieben:Das Überstützen von Aufnahmen bemerke ich auch oft; liegt das an geänderten Klangvorstellungen, alles "nah" haben zu wollen?

Oder liegt es schlicht an einer nicht ausreichenden musikalischen Schulung?
Da sehe ich zumindest bei den privaten Ausbildungsinstituten Nachholbedarf.

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Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon alex » 03.04.2016, 15:00

Tonzauber hat geschrieben:Das Überstützen von Aufnahmen bemerke ich auch oft; liegt das an geänderten Klangvorstellungen, alles "nah" haben zu wollen?


Durchaus möglich. Schwer zu sagen. Da ich mich zeitlebens auf sog. klassische Musik beschränkt habe, kann ich auch nur zu dieser (neudeutsch) "Stilrichtung" etwas Qualifiziertes beitragen.

Abgesehen von der von juppy angesprochenen unzureichenden Schulung scheint es auch an einer eigentlich simplen, jedoch grundlegenden Fähigkeit zu mangeln, nämlich sauber balancierten Direktschall mit einer vorhandenen und hörenswerten Raumakustik so zu verschmelzen, dass eine überzeugende Illusion von Deutlichkeit, Plastizität und Räumlichkeit entsteht. Also verlässt man sich lieber auf "Stützen plus Hall". Kann ja alles in der Postpro noch verändert und kontrolliert werden ... :aargh:

Bei der Herstellung eines Klangbildes lasse ich mich demgegenüber meist von einer Idealvorstellung leiten, die kurzgefasst etwa so lauten könnte: deutlich und zugleich räumlich; spektral-, dynamik-, entfernungs- und richtungsgetreu; zwar plastisch und durchhörbar, doch auch mit angemessener Verschmelzung zwischen Instrumenten- und Raumklang; balanciert sowohl innerhalb der musikalischen Stimmen wie auch als Ganzes; frei von Verfärbungen, Nebengeräuschen, Klirren und sonstigen technischen Störungen etc. -- und bei alledem darf genügend Raum übrig bleiben für geschmackliche Nuancierungen.

Ende der 1970er Jahre durchlebte ich eine etwa zweijährige Phase, in der mich ein Fach mehr interessierte und faszinierte als jedes andere. Johann-Nikolaus Matthes war - nach seiner Wegrationalisierung aus der Kölner EMI-Electrola - als Angestellter der Düsseldorfer Musikhochschule quasi dazu verdonnert, zumindest während der ersten vier Wochentage stur seine Arbeitszeit im Übungsstudio abzusitzen, selbst wenn rein gar nichts zu tun war, und dabei leistete ich ihm gern und so lange wie möglich Gesellschaft. Für diese Begegnungen ließ ich die meisten technischen Vorlesungen sausen (vor allem wenn dort Themen behandelt wurden, die ich selber mindestens genauso fundiert, aber deutlich weniger langweilig und mehr praxisorientiert hätte präsentieren können :shock:).

Das Angebot - oder vielmehr Spielwiese - hieß "vergleichende Aufnahmekritik" und stand auf keinem Lehrplan, da wir es gewissermaßen aus der Not heraus geboren hatten, um die Zeit des bloßen Nichtstuns sinnvoll zu nutzen. Jeder im Hause wusste - oder konnte wissen - dass das Zusatzangebot kostenlos und jederzeit zur Verfügung stand. Doch hatte Klaus Matthes - bevor aus der Berliner (damaligen) HdK ihn der Ruf zum Professor ereilte - mich praktisch als alleinigen Studenten am Hals, da sämtliche anderen Kommilitonen sich an der Wahrnehmung (im dreifachen Sinn) dieses Angebots demonstrativ uninteressiert zeigten, während ich mich von nichts und niemandem daran hätte hindern lassen.

Das Prozedere war denkbar einfach: Matthes und ich brachten morgens je einen halben Meter Schallplatten mit, suchten uns das Passende aus, legten auf und los ging's. Der Spaß bestand unter anderem darin, zunächst herauszufinden, wie die Aufnahme wohl entstanden sein mochte: also z.B. die Art der Aufstellung (bis hin zur Mikrofonwahl), die Nachbearbeitung, Verhallung, Sorgfalt beim Bandschnitt etc. pp. Dann natürlich die Qualität der eigentlichen Aufnahme, nach Standardkriterien wie Raumeindruck, Durchhörbarkeit, musikalisches Gleichgewicht, Dynamik, Klangfarbe, Stereoabbildung.

Lerneffekterhöhend enthielten fast alle diese Musteraufnahmen irgend einen Mangel oder Pferdefuß, und wir entwickelten einen geradezu diebischen Spaß daran, herauszufinden, welche Fallen der jeweilige "Gegner" wohl heute wieder vorbereitet hatte. Damals war ich immer wieder verblüfft, wie selten sich Herr Matthes von mir aufs akustische Glatteis führen ließ, gelegentlich gelang es mir aber doch. Im Gegenzug fand ich es unendlich spannend, den Aufnahmen, die Matthes selber durchgeführt hatte, sozusagen auf die Schliche zu kommen.

Ich denke, dass ich damals kaum eine bessere Gelegenheit hätte vorfinden können als diese Werkstattsituation zwischen Tonmeister und Tonlehrling um zu erkennen, was es bedeuten kann, vom ersten Studientag an eine gründlich fundierte individuelle Klangästhetik zu entwickeln und diese dann zum Leitfaden für die eigene Praxis auszubauen und zugleich zu verfeinern.

Grüße, alex
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Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon Moritz » 03.04.2016, 21:29

Als tontechnischer Jungspund melde ich mich jetzt auch noch zu Wort. Die Videos zum Bandschneiden sind toll. Hätte ich sowas mal früher entdeckt... Im letzten Jahr habe ich mir die Mühe gemacht und eine fehlerhafte Aufnahme auf Band überspielt, um sie dann analog scheiden zu können, einfach nur um mal ein Gefühl dafür zu bekommen. Mein Fazit: Nach dem vierten Schnitt war ich so dankbar, dass es in der DAW heute so einfach geht. Ich kann nur jedem Neuling empfehlen diese Erfahrung zu machen, es öffnet einem die Augen, welche Leistung in einer solchen manuellen Bearbeitung steckt.

alex hat geschrieben:Das Angebot - oder vielmehr Spielwiese - hieß "vergleichende Aufnahmekritik" und stand auf keinem Lehrplan


Glücklicherweise findet man das, zumindest in meinem Studiengang, unter dem Namen "Aufnahmeanalyse". Zwar in nicht ganz so ausführlicher Form aber immerhin.

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Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon alex » 03.04.2016, 21:58

Moritz hat geschrieben:Ich kann nur jedem Neuling empfehlen diese Erfahrung zu machen, es öffnet einem die Augen, welche Leistung in einer solchen manuellen Bearbeitung steckt.

Meine Erfahrung ist zudem die, dass man bei Aufnahmen anders zuhört und bei der Schnittplanerstellung anders vorgeht, sobald man analoge Schnitterfahrungen genügend "unter die Haut" bekommen hat. Auch beim Schneiden selbst ist man gedanklich sehr anders dabei und ahnt viel eher, welche Schnitte vermutlich "gehen" werden und welche nicht. Auch digital geht nicht alles ...


Moritz hat geschrieben:Glücklicherweise findet man das, zumindest in meinem Studiengang, unter dem Namen "Aufnahmeanalyse". Zwar in nicht ganz so ausführlicher Form aber immerhin.

Ich bin froh, dass seit meinen Studienzeiten sich vieles an den Ausbildungsinstituten verbessert hat. Relativ gesehen brauchte es dafür aber auch nicht viel, denn am Düsseldorfer Tonstudiengang war in den Jahren 1979-86 die materielle und personelle Situation reineweg katastrophal. Einen gewissen Eindruck davon vermittelt ein Interview mit einem meiner damaligen Tutanden, Uli Behringer, der die etwa drei Jahre später merklich "gemilderten" Verhältnisse knapp beschrieb.

Die Botschaft, die ich damit andeuten will, ist schlicht: Selbst bei einem praktisch nicht vorhandenen Angebot war es noch möglich, etwas zu lernen. Man musste allerdings schon selber die Initiative ergreifen, wer hätte es einem auch abnehmen sollen? Ein Ausbildungsinstitut ist nicht dazu verpflichtet, theoretisches Wissen, praktische Kenntnisse und Fähigkeiten den Studierenden quasi hinterherzutragen.

Umgekehrt denke ich, dass selbst wenn das Angebot so groß und so qualitativ wäre wie es nur sein kann, man sich immer noch den individuellen Lernweg durch die Audiotechnik ganz auf sich selbst gestellt bahnen muss - je nach persönlichen Stärken, Interessen und Schwächen. Nicht zwangsläufig nützt mir als Lernendem das am meisten, was schon meinen Kommilitonen geholfen hat.

Grüße, alex
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Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon LoboMixx » 04.04.2016, 12:26

Zu der ursprünglichen Frage kann ich mich insofern nicht äußern, als ich keine Emulationen verwende und ich für meinen Bereich (Aufnahmen akustischer Instrumente/Ensembles im sog. "E-Musik"-Bereich) auch deren Nutzen nicht erkennen kann.
Hingegen freue ich mich sehr, dass es mir die digitale Technik ermöglicht, zu (mittlerweile) nur sehr mäßigen Kosten ein absolut hervorragendes Medium zur Speicherung und Verarbeitung des Audio-Materials zu haben. Dank der langjährigen und kontinuierlichen Entwicklerarbeit hervorragender Ingenieure kann ich für mich die Schritte zur A/D-D/A-Wandlung, Speicherung und der technischen Einbindung von klangbearbeitenden Modulen wie EQ/Kompressoren etc. als gelöst abhaken. Der Schwachpunkt in der Kette sind nicht die Digitaltechnik, die DAW-Software, auch nicht die Mikrofone, auch schon lange nicht mehr die Mikrofonvorverstärker dank günstiger sehr hochwertiger OP-Amps, sondern einzig und alleine ich selber als deren Anwender und Bediener.

Die Frage der Mikrofonierung im Kontext Raum/Ensemble/Stilistik ist schon mal ein heikler Punkt. Dann später die Auswahl und Einrichtung eventuell nötiger Bearbeitungsschritte (EQ / Kompressor / Einbindung der Stützen / etc.). Der Schnitt sollte einfach beherrscht sein, da machen einem die DAW´s das Leben schon deutlich leichter. Die optische Darstellung der Hüllkurven kann aber allenfalls eine (sehr) praktische Hilfe zur schnellen Auffindung der passenden Stellen sein (wenn man nicht ausgerechnet 4 Stunden Rohmaterial des Bach´schen "Wohtemperierten Klaviers" am Cembalo eingespielt vor der Nase hat wie ich es mal erlebt haben - da sieht einfach alles gleich aus). Der Schnitt ist natürlich erst dann gelungen, wenn man ihn (absolut!) gar nicht hört! (Da halte ich mir zugute, dass ich als Profi-Musiker, der ich vom Hauptberuf her bin quasi reflexhaft gar nicht anders kann als genau hin zu hören und musikalisch mit zu denken.)

Was natürlich in diese Diskussionen immer hinein streut ist dieser ganze Audio-Voodoo-Quatsch und die schon quasi-religiöse, nostalgisch verklärende und romantisierende Sichtweise der "Audio-Fools" (wenn auch in wohltuender Weise nicht hier in diesem Forum).
Gegen Effekte aller Art gibt es natürlich nichts einzuwenden, vor allem wenn ein bestimmtes Ergebnis gewünscht wird. Diese sind dann im Hinblick auf das Ergebnis auszusuchen und anzuwenden, was und wie auch immer.
Wenn in diesen individuellen Fällen das Ergebnis "besser" (oder besser noch "den Zielvorstellungen adäquater") ist, dann ist ja auch alles in bester Ordnung.
Was nicht zulässig ist, ist die generalisierende Verallgemeinerung solcher Effekte wie z.B. Pult- oder Bandemulation als grundsätzlich besser, weil eben der analogen Welt näher. Das ist Nonsens.

Die Musik, der Klang der Instrumente, der Stimmen usw. und unser Hören war immer analog und wird es auch immer bleiben. Die ganze Technik zwischen Aufnahme und Wiedergabe ist und bleibt: Technik! Und diese sollte dem Stand der Technik und den jeweiligen Einsätzen und Anforderungen entsprechend immer so gut und angemessen wie möglich und auf der Höhe der Zeit sein.

Als Analogie zu der verzerrten Sichtweise der "Audio-Fools" fällt mir ein Vergleich ein. Ich kann mich noch erinnern, dass die Zimmerleute früher einen ganzen Dachstuhl und später die Dachdecker ihre Dachlatten etc. mit Hammer und Nagel zusammen montierten (war auch nicht zu überhören). Heute haben Schrauben aller Art und der Akkuschrauber längst den Nagel fast vollständig abgelöst (auch schon deshalb, um vorschriftsgemäß die ganzen Latten durch eine Dämmschicht hindurch sicher und sturmfest ans Halten zu bekommen). Nun stelle man sich solche Handwerker vor (allerdings faktisch fast alles Amateure, die nur in ihrer Freizeit Dächer bauen), die auf ihre Nägel und Hämmer schwören. Und sündhaft teure Nägel aus Sauerstoff-freiem Eisen und Hämmer mit Stielen aus besonders altem und speziell gelagertem Eichenholz kaufen (was aber eigentlich gar nicht so gut dafür geeignet ist) und felsenfest behaupten, dass nur ihre Dächer die wahren Dächer seien. Und als Unterspannbahn ganz "klassische" Dachpappe statt der atmungsaktiven "Teufels"-Folie. Viel haltbarer und viel dichter seien ihre Dächer als die "modernen" Dächer.
So viel dazu.

Gruß, Jürgen


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