Analoges Feeling in der digitalen Welt

Infos und Fragen zu Rechnern, Software & Co.

Moderator: Moderation

Benutzeravatar
Wolfus
Senior Member
Beiträge: 542
Registriert: 16.09.2009, 12:41
Ort: StIngbert
Ort: St. Ingbert
Kontaktdaten:

Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon Wolfus » 11.04.2016, 09:39

Einen Aspekt würde ich gerne noch beleuchten.

Neben der Erwartungshaltung gibt es noch einen wesentlichen Punkt, der für die Unterschiedliche Bewertung von Analog/Retro/... und digitalem Equipment führt: Es ist schon ein großer Unterschied, welche Ausrüstung man gut kennt. Wenn man sich auf ein Gerät eingearbeitet hat, kommen einem sehr leicht alle anderen ähnlichen Geräte unlogisch, unpraktisch oder überhaupt vom Ergebnis her schlechter vor, selbst wenn es technisch keinen Grund dafür gibt.

Ich persönlich vermisse bisher keinen, sagen wir, optoelektronischen Kompressor mit Übertragern, weil ich nie mit einem gearbeitet habe. Für mich wäre ziemlich sicher die unveränderliche zeitliche Charakteristik eine störende Einschränkung. Ich will auch kein gefülltes Rack mit Umstecken und vielen Knöpfen und freue mich, den Funktionsumfang im Laptop auf Abruf zu haben. Meine Arbeitsweise hat sich im Wesentlichen in dieser Welt gebildet - von der Bedienung bis hin zur Hörerwartung.

Ich stelle aber nicht in Abrede, dass so mancher mit den Hardware-Modulen und analoger Technik besser, schneller und zielgerichteter zum Ergebnis kommt. Dann ist das Ergebnis aber deswegen besser, weil er in einer Umgebung ist, in der er sich wohler fühlt, und nicht, weil diese Technik überlegen wäre.
'Though nothing shows, someone knows. I wish that one was me. (Procol Harum, Quite Rightly So)

LoboMixx
Senior Member
Beiträge: 103
Registriert: 25.12.2015, 18:45
Ort: Moenchengladbach

Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon LoboMixx » 11.04.2016, 12:06

Es gibt wohl niemanden, der bezweifeln würde, dass man schon vor über 50 Jahren mit der damaligen verfügbaren Technik exzellente Aufnahmen machen konnte. Ich hatte erst kürzlich das Vergnügen, im Radio Aufnahmen sinfonischen Repertoires aus den 50-er Jahren zu hören die hervorragend klangen. Wobei es aber keinerlei Informationen darüber gab, inwieweit die Aufnahmen digital nach bearabeitet waren oder nicht. Immerhin war das Originalmaterial von so guter Qualität dass es wie auch immer in der gesendeten Form sehr gut klang.

Ebenso konnte man schon lange sehr gute Optiken für die Fotografie bauen. Ich hatte selber mal eine zweiäugige Rolleiflex 3,5 Planar (das 2,8 Planar konnte ich mir damals auch gebraucht nicht leisten). Deren "Charme" lag aber genau darin, extrem verzeichnungsfrei und scharf abzubilden.
Von einer "lo-fi" Mentalität in dieser Zeit kann keine Rede sein. Wer es lieber mit Verzeichnungen, Unschärfen, Vignettierungen und zum Teil heftigen Farbsäumen haben will, holt sich lieber zu seiner modernen Digital-Spiegelreflex das einfachste und billigste Weitbereichs-Zoom. Wer etwas in der Qualitätsstufe des Planars (eine Konstruktion, die im übrigen immer noch aktuell ist) haben will, muss auch heute noch deutlich tiefer in die Tasche greifen.

Natürlich kann man auch nicht bezweifeln, dass die Technik sich erheblich weiter entwickelt hat. Zoom-Optiken in der Qualität wie sie heutzutage hochwertige Exemplare bieten - dazu noch mit großen Öffnungen und vergleichsweise kleinen Abmessungen -, gab es früher überhaupt gar nicht.
In der Audio-Technik, aber auch Video-Technik ist es ebenso, über die Entwicklung muss ich hier nichts weiter ausführen.

Was mich an dieser ganzen analog-digital Diskussion stört ist die verzerrte Kategorisierung "besser" vs. "schlechter".
Dass die aktuelle Digitaltechnik der ehemaligen Analogtechnik in Sachen Rauchabstand, lineare und nichtlineare Verzerrungen aller Art, Ausgeglichenheit des Frequenzgangs, verlustfreie Kopierbarkeit usw. usw. erheblich überlegen ist darf wohl als Tatsache gelten.

Wenn hier Beispiele gebracht werden, wo mit (alter) analoger Technik das bessere (bzw. gewünschtere) Ergebnis erzielt wurde, dann kann das eigentlich nur auf das betreffende Projekt bezogen werden und nicht als verallgemeinerbare Tatsache. Und wie schön öfter geschrieben wurde, kann es dem Hörer ohnehin völlig egal sein, wie das Ergebnis erzielt wurde. Wenn er zufrieden ist und die Aufnahme mit Genuss hört, ist alles in Ordnung.

Das Beispiel Niels Frahm kann auch nicht verallgemeinert werden. Frahm ist in einer Person der Künstler, Tonmensch und Produzent. Er ist sozusagen gleichzeitig Auftraggeber und Auftragnehmer. Damit ist er vollständig Herr über alle Details der Vorgehensweise und wenn er sich für analoge Technik entschieden hat, ist es nicht nur sein gutes Recht, sondern auch seine künstlerische Entscheidung.
Einige der frei herunter ladbaren Aufnahmen (als digitales File!) habe ich mir angehört und so ganz erschließt sich mir nicht, wo dort das besondere des "analogen" Klangs zu finden ist - abgesehen davon, dass es etwas mehr rauscht als ich es bei digitalen Aufnahmen kenne.

In dem eher üblichen Fall, wo der Tonmensch "nur" der Dienstleister für einen Auftraggeber, also Künstler, Ensemble, Dirigenten, Veranstalter ist, ist er meistens aber nicht der absolute Herr des Verfahrens. Üblicherweise wird sicher eine optimal klingende Aufnahme gewünscht wobei dem Kunden auch da egal ist, wie der Tonler das macht, Hauptsache das Ergebnis stimmt. Bei Effekten aller Art wird es aber schon grenzwertig, vor allem wenn es in die "lo-fi"-Richtung gehen soll. Da so etwas sicher auch nur aufgrund des Wunsches des Künstlers geschieht, wird der Tonler zunächst eher eine Art beratende Funktion haben und dem Künstler je nach dessen Vorstellung verschiedene Vorgehensweisen vorschlagen. Ob das nun ein klassisches analoges Effektgerät oder ein Plugin ist sei dahin gestellt, in dem beschrieben Fall wird es aber nur selten eine einsame Entscheidung des Tonmenschen sein.

Dass dieser wiederum ein Kenner seines Equipments ist und dieses zielgerichtet einsetzen kann, sollte eigentlich eine Mindestanforderung an seine Professionalität sein. Er sollte also weder selbstverliebt an irgendwelchen analogen Knöpfchen drehen noch an ebensolchen virtuellen Knöpfchen am Bildschirm. Schließlich ist (bzw. sollte sein) ja auch schon die Auswahl des Gerätes bzw. des Plugins selber eine zielgerichtete Handlung und kein zufälliger Akt.

Die Faszination, die von Dampflokomotiven, alten Bandmaschinen usw. ausgeht und deren sinnliche Erfahrbarkeit kann ich absolut teilen. Aber auch das ist relativ. Die Möglichkeiten von Samplitude faszinieren mich auch und die digitale Technik ebenso. Außerdem soll es auch Fans moderner High-Tech-Züge geben. Und allein schon aus Kosten- und Umweltschutz-Gründen bin ich froh, dass Dampfzüge nicht mehr im Regelbetrieb eingesetzt werden, sondern nur noch gelegentlich im Museumsbereich.
So ist das Leben.

prinzipal
Senior Member
Beiträge: 502
Registriert: 18.11.2008, 21:53

Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon prinzipal » 11.04.2016, 12:16

juppy hat geschrieben:
hafi69 hat geschrieben:Dazu sei aber auch noch erwähnt: "unvolkommene, gestörte, reibungshafte, gefärbte" Signale entstehen meist VOR dem Mikrofon... :!:

:mrgreen: ... smile ...

Und ich verliere auch nicht das aus den Augen, was als Wiedergabegerät beim Konsumenten benutzt wird.


Das gehört für mich dazu, also: im gleichen inhaltlichen Zuge sozusagen werden ja auch immer mehr (ausserhalb der reinen Klassik!) eben nicht die Steinways hingestellt, sondern bewußt Instrumente mit "Fehlern" die aber Charakter geben.

Und zu den Wiedergabegeräten: ich hab mir jetzt gerade die Refton ld1 würfel als Abhöre besorgt (Akg war nicht zu bekommen und arautones zu teuer) um dieser Wiedergabesituation besser gewachsen zu sein. Denn es ist wahr: immer mehr wird die Musik lediglich über den Laptop gehört, zumindest bei der Entscheidung ob Kauf, Download oder einfach nur "gut find"... Das ist für mich derzeit viel paradoxer als die analog/digital Diskussion, da es konkret dazu führt, daß man z.b. Orgelmusik in bestimmten Registrierungen (z.b.16" subbass allein im Pedal) gar nicht mehr verwenden kann (bevor Fragen kommen: in meinem Fall wollte ich ein Stummfilm/Orgelkonzert per Youtube bewerben, das gestaltete sich schwierig, weil man die Orgelbässe im piano, de facto nur seeehr schwer in die Mittenlage geschoben bekommt;-) Auch bestimmte "Dubstep"Bässe die live herrlich vor sich hin brummeln, gehen so nicht zu recorden.

Vielleicht ist hier auch ein Grund zu sehen, warum "färbende"- also vor allem Obertonhinzufügende Geräte (Kompressoren z.B.) derzeit so angesagt sind, denn sie helfen den Mix im obig angeführten Sinne hinzubekommen. Evtl. wird die Diskussion für den einen oder anderen Klassikfreund eher verständlich wenn er das Wiedergabeproblem mal beleuchtet;-))

Benutzeravatar
juppy
Senior Member
Beiträge: 1895
Registriert: 20.06.2007, 09:23
Ort: Köln

Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon juppy » 11.04.2016, 18:38

prinzipal hat geschrieben:Das gehört für mich dazu, also: im gleichen inhaltlichen Zuge sozusagen werden ja auch immer mehr (ausserhalb der reinen Klassik!) eben nicht die Steinways hingestellt, sondern bewußt Instrumente mit "Fehlern" die aber Charakter geben.


Daß "außerhalb der Klassik eben nicht Steinways hingestellt werden", dürfte vor allem finanzielle
Gründe haben. Immerhin zählen diese Instrumente zu der gehobeneren Preisklasse, die sich nicht
jedes Studio oder jeder Veranstalter leisten kann. Darin dürfte der Erfolg von YAMAHA begründet
liegen: Solide Instrumente, die aber doch nicht an Steinway & Co heran kommen. Wer "preiswer-
teres" ins Studio stellt, braucht sich gar nicht mehr an Diskussionen über den Klang von Technik
und Mikrofonen zu beteiligen ...

Ein guter Klavierbauer wird einen Young Chan-Flügel vielleicht ein wenig Richtung Steinway into-
nieren können. Wir als Tontechniker können das nicht im Nachhinein, egal, ob mit Bandsättigung
auf einer M15, einem alten NEVE-Pult oder irgendeiner digitalen Simulation.

Den "Klang" eines Flügels macht man mit der Aufstellung und Auswahl der Mikrofone, abhängig
vom Raum und vom idividuellen Instrument, aber nicht mit Effektgeräten, egal welcher Art.
Jeden nachträglichen Eingriff betrachte ich als Korrektur von Unzulänglichkeiten der Aufnahme.

Auch deshalb finde ich die ganze Diskussion zum Thema "analoges Feeling" völlig überflüssig ...


Daß es irgendwann mal eine Emulation geben könnte, die aus einem Flügel einen anderen machen
kann, wie man das bereits von Mikrofonen oder Gitarren-Amps kennt, wage ich zu bezweifeln.

Außerdem ist "Steinway" noch lange keine Garantie, daß es sich auch um gute Instrumente handelt.
Ich habe schon das ganze Spektrum von "grottig schlecht" bis "perfekt auf den Punkt" erlebt.

Ich frage mich nur, welche "Fehler" einem Flügel "Charakter geben?"

Mangelnde Stimmhaltung, taube Saiten, wie sie bei einem alten Flügel vorkommen können, ausge-
leierte Mechaniken, die quietschen und klappern, unregulierte Dämpfer, die nicht gleichzeitig von
den Saiten abheben, quasi "Viertelpedalspiel" ermöglichen?

Ein alter Blüthner hat natürlich seinen eigenen Charakter. Aber wenn er unrestauriert und ungewar-
tet ist, dürfte er ob der Fehler durch sein Alter außer als Dekostück unbrauchbar sein.

prinzipal
Senior Member
Beiträge: 502
Registriert: 18.11.2008, 21:53

Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon prinzipal » 12.04.2016, 16:26

? juppy: hast du denn mal- als Gesprächsgrundlage- in meine Empfehlungen ansatzweise hineingehört?? Ich glaube nicht, dann würdest du nicht so einen völlig an meiner Meinung vorbeigehenden Post schreiben...
Es geht eben NICHT darum letztlich beim "super Steinway" Sound zu landen (deine ganzen Flügelvorschläge sind nonsens) sondern es geht darum, daß zunehmend in gewissen Szenen präparierte Klaviere, gedämpfte Klaviere (mit Filzdämpfer) o.ä. genommen werden; ganz bewußt (!) Hammerschlaggeräusche mitaufgenommen werden, Saitenverfremdungen erwünscht sind. Das geht so weit, daß der Klavierbauer Klavins neben seinen neuen "Giga"Flüglprojekten mit meterlangen Basssaiten, für eben jene Szene, die auch vor allem Livekonzerte mit Klavier gibt ein neues Klavier entwickelt hat: Una corda, mit nur einer Saite und entsprechend völlig andersartigem Klang.

Und: eben jene Szene von der ich spreche, deren Aufnahmen ich im Kopf habe, würde sofort den alten unrestaurierten Blüthner nehmen! Lediglich Stimmung drauf...

Benutzeravatar
juppy
Senior Member
Beiträge: 1895
Registriert: 20.06.2007, 09:23
Ort: Köln

Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon juppy » 12.04.2016, 16:56

prinzipal hat geschrieben:Es geht eben NICHT darum letztlich beim "super Steinway" Sound zu landen (deine ganzen Flügelvorschläge sind nonsens) sondern es geht darum, daß zunehmend in gewissen Szenen präparierte Klaviere, gedämpfte Klaviere (mit Filzdämpfer) o.ä. genommen werden; ...

Dann drücke Dich künftig bitte richtig und verständlich aus! :aargh:

Ein "prepared Piano" ist kein Instrument mit "Fehlern, die aber Charakter geben",
sondern bewußte klangverändernde Modifikationen am Instrument, die vom Kom-
ponisten (in der Avantgarde oder "Neuen Musik") vorgegeben werden.

Benutzeravatar
Tonzauber
Site Admin
Beiträge: 1225
Registriert: 19.06.2007, 19:16
Ort: Wien
Kontaktdaten:

Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon Tonzauber » 12.04.2016, 17:04

.... es muss nicht immer Steinway sein, und das Klavier muss auch nicht immer gestimmt sein... ;)

http://www.youtube.com/watch?v=67lAYlse1cU

(Ausschnitt aus Aufnahmen für ein Album das denächst bei einem Major Label rauskommt)

Aber ja, das geht natürlich schon fast wieder in Richtung "präpariertes Klavier", da die Pianistin mit dem Stück, und wie es klingt, etwas ganz spezielles ausdrücken will.
Tonzauber - einfach klassisch
www.tonzauber.com

prinzipal
Senior Member
Beiträge: 502
Registriert: 18.11.2008, 21:53

Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon prinzipal » 12.04.2016, 17:16

juppy: du kommst irgendwie nich richtig raus aus der KlassikEcke;-) Schon wieder zauberst du aus meinem Einwurf "präpariertes" Klavier, die typisch klassische Version davon, wie sie bei John Cage etc. vorkommt. Ich meine damit eben nicht die Arbeitsteilung Komponist (gibt genaue Anweisung), Interpret (setzt selbige genau um) und Toning (nimmt alles ganz sauber auf), sondern ich meine....::::

Der Interpret/Komponist in Personalunion der heutigen freien Szene formt im spielen mit einem unvollkommenen fehlerhaften klavier+ Präparation, oder eben auch einfach nur gewollt unübliche Aufnahme, einen - an sich fehlerbehafteten- bestimmten charakterstarken Klang der seiner Intuition Nahrung gibt und sein Spiel mit diesen neuen Sounds eins werden lässt. Das ganze ist untrennbar und auch nicht aufteilbar in: das sind die Noten, das sind die Präparationen und das ist die Aufnahme davon, sondern Noten (Spiel),Präparation (oder bewußt fehlerhaftes Klavier wird ausgesucht) UND Aufnahmetechnik, die eine bestimmte Klangformung unterstützt, ergeben ZUSAMMEN das eigentliche Stück. Von Hauschka gibt es diesbezüglich auch ganz interessante Interviews.

poste ich halt auch mal ein Video (man höre auf die ganzen Pedalklappergeräusche und so..)
https://www.youtube.com/watch?v=ScUP6MKmXpg

noch eins, evtl. kennen die Berliner ja das Label "Neue Meister". https://www.youtube.com/watch?v=fEE_jZh1mDc

Benutzeravatar
hafi69
Senior Member
Beiträge: 1125
Registriert: 19.06.2007, 23:44
Ort: Duisburg

Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon hafi69 » 12.04.2016, 17:28

prinzipal hat geschrieben:Es geht eben NICHT darum letztlich beim "super Steinway" Sound zu landen (...) sondern es geht darum, daß zunehmend in gewissen Szenen präparierte Klaviere, gedämpfte Klaviere (mit Filzdämpfer) o.ä. genommen werden; ganz bewußt (!) Hammerschlaggeräusche mitaufgenommen werden, Saitenverfremdungen erwünscht sind.

Nein, auch DARUM ging es nicht, sondern um das krytische Thema
Analoges Feeling in der digitalen Welt

Erst als ich darauf hinwies, das der Klang vor allem "vor dem Mikrofon" gestaltet wird (und sollte!) ging hier
die Piano-Nerd Fachdiskussion los... :mrgreen:
Daran zeigt sich eben auch, wie irrelevant die Frage der verwendeten Tontechnik am Ende sein kann.
Diese Irrelevanz ist aber eindeutig ein Votum für "perfekte" moderne Technik, weil diese kostengünstig, verlässlich und
verfügbar ist.

prinzipal
Senior Member
Beiträge: 502
Registriert: 18.11.2008, 21:53

Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon prinzipal » 12.04.2016, 17:47

hafi: ich meinte meine letzten Post, auf den juppy dann aus meiner Sicht völlig vorbei geantwortet hatte, trotz seiner an sich richtigen Worte.

Und: Der Titel "analoges Feeling in einer digitalen Welt" mag jetzt zwar wörtlich stimmen, aber inhaltlich geht es doch um die Frage, warum sich derzeit dieses analogzeug so gut verkauft. Über die inhaltliche Schiene versuchte ich ja klarzumachen, was die "Fehler" der Analogtechnik evtl. mit der heutigen erfolgreichen (!) Art Musik zu machen, zu tun haben. Ich sehe da Zusammenhänge... Das sauber aufgenommene Chopinimpromptu vom Musikstudenten will heute keiner mehr hören (in Relation). Sarah Ott mit O.Arnalds zusammen dagegen schon. ich denke, man darf auch in diesem Forum mal dezent darauf hinweisen, daß sich der ganze Musikmarkt grag gewaltig dreht und da ist die "saubere, ehrliche, nur wiedergebende" Tonaufnahme/Musikinterpretation leider etwas nach hinten gerutscht.
Künstler wie Ludoviceo Einaudi sind grad die ganz großen Sterne und dementsprechend hat sich hier auch inhaltlich an der ganzen Musikkultur was geändert. Das darf man, unabhängig von technischen Parametern auch mal zur Kenntnis nehmen ;-).

Recht geb ich dir, daß der "Profi" weil er genau weiß was zu tun ist, mit der perfekten moderen Technik zu ebensolchen Ergebnissen kommt, aber der große Markt der Semiprofis/Amateurer kauft eben lieber das Gerät/Plug in wo es von Haus aus eingebaut ist.
Zuletzt geändert von prinzipal am 12.04.2016, 17:49, insgesamt 1-mal geändert.

Benutzeravatar
hafi69
Senior Member
Beiträge: 1125
Registriert: 19.06.2007, 23:44
Ort: Duisburg

Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon hafi69 » 12.04.2016, 17:49

prinzipal hat geschrieben:juppy: du kommst irgendwie nich richtig raus aus der KlassikEcke;-) Schon wieder zauberst du aus meinem Einwurf "präpariertes" Klavier, die typisch klassische Version davon, wie sie bei John Cage etc. vorkommt. Ich meine damit eben nicht die Arbeitsteilung Komponist (gibt genaue Anweisung), Interpret (setzt selbige genau um) und Toning (nimmt alles ganz sauber auf), sondern ich meine....::::

Der Interpret/Komponist in Personalunion der heutigen freien Szene formt im spielen mit einem unvollkommenen fehlerhaften klavier+ Präparation, oder eben auch einfach nur gewollt unübliche Aufnahme, einen - an sich fehlerbehafteten- bestimmten charakterstarken Klang der seiner Intuition Nahrung gibt und sein Spiel mit diesen neuen Sounds eins werden lässt. Das ganze ist untrennbar und auch nicht aufteilbar in: das sind die Noten, das sind die Präparationen und das ist die Aufnahme davon, sondern Noten (Spiel),Präparation (oder bewußt fehlerhaftes Klavier wird ausgesucht) UND Aufnahmetechnik, die eine bestimmte Klangformung unterstützt, ergeben ZUSAMMEN das eigentliche Stück.

Ich glaube Dir fehlt hier ein bisschen die Übersicht:
Erstmal sind John Cage und seine Zeitgenossen keine Klassiker.
Vielmehr steht das, was Du hier wiederholt als "heutige freie Szene" bezeichnest
in der "Tradition" solcher Advangardisten wie Cage und hunderten anderen Grenzgängern.
Und nicht nur "heute" wurde auch die Aufnahmetechnik zu einem relevanten Faktor der Produktion.
LEIDER sehe ich heute den Trend zum inhaltsarmen "Retro" und eben nicht zum Ausreizen der aktuell verfügbaren Technik.
Ein Stockhausen oder Gould hätte sicher sofort zur Digitaltechnik gegriffen wäre sie damals verfügbar gewesen, jedenfalls haben
sie damals wohl bewusst nicht auf Wachswalzen "zurück" gegriffen.
Nun will vielleicht heute nicht jeder wirklich avantgardistisch sein und einfach nur "sein Ding" machen.
Wer allerdings nur aus Zeitgeist mit analoger Retrotechnik aufnimmt (um dann hinterher ganz Hipp 24-Bit-Download anzubieten :roll: ),
der zeigt nicht nur sein tontechnisches Unverständnis, sondern eigentlich auch, wie wenig Innovatives wohl dahinter steckt.

prinzipal
Senior Member
Beiträge: 502
Registriert: 18.11.2008, 21:53

Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon prinzipal » 12.04.2016, 17:57

Bei mir zählt Cage als Klassiker. Is schon ein paar Jahre her, der gute... OK, sein Stück im Halberstädter Dom wird noch ein weilchen aufgeführt, aber da wird es ja nie einen Livemitschnitt geben ;-)

Ich verweise wiederum auf N.Frahm-ich kann bei ihm nicht erkennen, daß er aus "Zeitgeist" mit den alten Teilen spielt und aufnimmt, sondern es funktioniert für mich perfekt als Konzept und es überzeugt mich klanglich! Es gibt da einige Interviews auch von ihm, wo er das beleuchtet.

Ob Inhaltsleer oder nicht: das hat leider nie der Künstler entscheiden, sondern immer sein Publikum. Da wir alle Geld verdienen müssen, finde ich es auch müßig auf evtl. Verflachungen derzeitiger Musikkultur hinzuweisen. Es ist so und für das untergegangene wächst neues. Tonzaubers gepostete Pavane wäre vor 20 Jahren so auch nie und nimmer durchgegangen.

Benutzeravatar
hafi69
Senior Member
Beiträge: 1125
Registriert: 19.06.2007, 23:44
Ort: Duisburg

Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon hafi69 » 12.04.2016, 18:09

prinzipal hat geschrieben:Und: Der Titel "analoges Feeling in einer digitalen Welt" mag jetzt zwar wörtlich stimmen, aber inhaltlich geht es doch um die Frage, warum sich derzeit dieses analogzeug so gut verkauft.

Das glaube ich wirklich nicht....
Die konkrete Frage von jaykeys war:
Was haltet Ihr von den Konsolen- und Tape Emulationen?

Und da geht es zum wiederholtem Male doch nur um die Frage ob PlugIns mit analoger Hardware
mithalten können (das hatte ich versucht zu klären) und nicht um irgendetwas anderes...

Und die These, dass sich "Analogzeug" gut verkauft halte ich für uneingeschränkt falsch.

Über die inhaltliche Schiene versuchte ich ja klarzumachen, was die "Fehler" der Analogtechnik evtl. mit der heutigen erfolgreichen (!) Art Musik zu machen, zu tun haben. Ich sehe da Zusammenhänge...

Nein, da gibt es keine Zusammenhänge wie bereits hinreichend anschaulich gemacht wurde.
Entscheidend ist die Performance, das Imnstrument und - weil Du über "Erfolg" schreibst - das Marketing.


Das sauber aufgenommene Chopinimpromptu vom Musikstudenten will heute keiner mehr hören (in Relation)

Das wollte noch nie jemand hören....


ich denke, man darf auch in diesem Forum mal dezent darauf hinweisen, daß sich der ganze Musikmarkt grag gewaltig dreht und da ist die "saubere, ehrliche, nur wiedergebende" Tonaufnahme/Musikinterpretation leider etwas nach hinten gerutscht.

Sorry, wieder unterstellst Du hier nur weltfremde "Klassiker" anzutreffen...
Der Musikmarkt dreht sich nicht "gerade" sondern dreht sich seit langem und hat vor einiger Zeit sehr gravierende und teilweise auch
positive Veränderungen durch gemacht.
Eine Relation zu "analogen Artefakten" ist absolut inexistent.

Künstler wie Ludoviceo Einaudi sind grad die ganz großen Sterne und dementsprechend hat sich hier auch inhaltlich an der ganzen Musikkultur was geändert.

Ludoviceo wer? :mrgreen:
OK, Ludovico Maria Enrico Einaudi mag in seiner kleinen Welt eine große Nummer sein, aber für die "ganze Musikkultur" hat er wohl
nichts geändert...
Bei mir zählt Cage als Klassiker.

Es wird grad ziemlich absurd... :-|

https://de.wikipedia.org/wiki/John_Cage

https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Musik

prinzipal
Senior Member
Beiträge: 502
Registriert: 18.11.2008, 21:53

Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon prinzipal » 12.04.2016, 18:26

Absurd ist, wenn du Einaudi als Künstler in seiner "kleinen" Welt bezeichnest. Er ist z.b. der meistgestreamte Klassikstar auf Spotify.
Aber hier stehts, ohne daß ich tippen muß:

http://www.klassikakzente.de/news/klass ... scharts-an

Benutzeravatar
hafi69
Senior Member
Beiträge: 1125
Registriert: 19.06.2007, 23:44
Ort: Duisburg

Re: Analoges Feeling in der digitalen Welt

Beitragvon hafi69 » 12.04.2016, 19:18

prinzipal hat geschrieben:Absurd ist, wenn du Einaudi als Künstler in seiner "kleinen" Welt bezeichnest. Er ist z.b. der meistgestreamte Klassikstar auf Spotify.

prinzipal hat geschrieben:juppy: du kommst irgendwie nich richtig raus aus der KlassikEcke;-)


Der phonografischen Markt in Deutschland zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass die CD weiterhin der wichtigste Umsatzträger ist. 2013 wurden rund 88 Mio. CD-Alben und immerhin noch 1,8 Mio. CD-Singles im Gesamtwert von EUR 1,0 Mrd. verkauft. Das entspricht einem wertmäßigen Marktanteil von fast 70 Prozent. Im Vergleich dazu liegt der Marktanteil der CD in den USA bei nur mehr 31 Prozent und sogar noch höher als in Japan, wo der CD-Anteil bei rund 63 Prozent liegt.[1] Ein Grund für die relative Stabilität der CD-Umsätze könnte sein, dass der Umsatzanteil von Musikgenres, die eher ältere KäuferInnenschichten ansprechen, namentlich Schlager und volkstümliche Musik (6,8 Prozent), Klassik (7,2 Prozent), Deutsch-Pop (6,0 Prozent) mit insgesamt rund 20 Prozent im internationalen Vergleich verhältnismäßig hoch ist (BVMI 2014: S. 43).

Quelle:
https://musikwirtschaftsforschung.wordpress.com/2014/04/07/der-phonografische-markt-in-deutschland-2003-2013/

Selbst wenn also Einaudi der größte "Klassikstar" unserer Zeit ist (oder wäre...?) ändert das nichts an unserer "ganzen Musikkultur",
egal wie "anders" mit "analogem Feeling" dieser Mann vermeintlich ist.
Dies mal so als kleiner Hinweis von "außerhalb der Klassikecke" :mrgreen:

Nachtrag: Ludovico Einaudi hat in Wirklichkeit mit "Klassik" ungefähr so viel zu tun wie Peter Alexander...

Aber da zu meinen wesentlichen Punkten von Dir nichts kommt gehe ich davon aus wir können das abhaken.


Zurück zu „Hilfe! Computer!“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast