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Wo steht das Hauptmikrofon?

Tipps, Tricks und "Kochrezepte" für den guten Ton

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pkautzsch
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Re: Wo steht das Hauptmikrofon?

Beitragvon pkautzsch » 09.07.2018, 21:29

Da mein Beitrag von vor ein paar Tagen anscheinend verlorengegangen ist, hier etwas spät noch mein "Senf".

Wo steht das Hauptmikrofon?

Idealerweise da, wo es gut klingt. Und das hängt u.a. ab von:
- Werk (Stilrichtung, Epoche, Besetzung, ...)
- Interpretation (z.B. erlauben langsamere Tempi höheren Hallanteil)
- Ensemble (tatsächliche Besetzung v.a. Zahl der Streicher, Qualität, Profis/Amateure, ...)
- Raum (Größe, Raumakustik, Publikum ja/nein, insbesondere der letzte Punkt kann sich entscheidend auf die Mikrofonanordnung auswirken!)

Realistisch steht es oft näher oder weiter weg als man eigentlich gerne hätte. Die Vorredner haben ja schon typische Einschränkungen durch Brandschutzbestimmungen oder verkaufte Plätze genannt. Im Falle "weiter weg" kann man oft noch etwas mittels Richtcharakteristik retten - dann ist man eben bei Nieren, schade um den schönen Tiefbass, aber besser als nix. Glück hat man, wenn man die Zeit und die Gegebenheiten hat, das HM abzuhängen.

Der einzige Platz, wo man beim Livemitschnitt vor Publikum keine derartigen Probleme hat, ist auf der Bühne. Und da ist man mit einem konventionellen Hauptmikrofon-Paar selten gut dran. Schnell kommen hier Systeme wie Decca-Tree oder Kugelvorhang in den Sinn - die aber wiederum in einem mäßigen Raum nie gut klingen, und die bei manchen Amateurensembles nicht beliebt sind, "weil da ja so viel auf der Bühne rumsteht" (aber die mangels Pultleuchten herbeigetragenen Wohnzimmer-Stehlampen stören niemanden?).


Noch eine Anmerkung zum Ausdehnungsbereich und dazu passend eingestelltem Aufnahmebereich des Hauptmikrofons: Oft sieht man, wie ein Hauptmikrofon etwa 1 Meter vor dem Ensemble aufgestellt wird. Am Stativort sieht der Tonverantwortliche das Ensemble unter einem Winkel von ca 160° (+/- 80°) und stellt seine Mikrofonbasis für den entsprechenden Aufnahmebereich von +/- 80° ein. Richtig, oder?
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RainerG
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Re: Wo steht das Hauptmikrofon?

Beitragvon RainerG » 10.07.2018, 21:42

@ Manjak

Hallo Manfred,

Ich will hier keinem unterstellen, daß er ein Dilettant ist, und wenn hier Anfänger nach Rat suchen, dann ist das auch o.k. - schließlich haben wir ja alle mal bei Null angefangen und noch kein Meister ist vom Himmel gefallen - nur meine ich, daß man nicht päpstlicher als der Papst sein soll, denn die Akustik ist "geduldig". Da kommt es doch nicht auf Zentimeter und ein paar Winkelgrade an. Pkautzsch hat es in seinem Posting vom 09.07. auf den Punkt gebracht: Die Parameter, die für eine Ein- und Aufstellung des Hauptsystems von Bedeutung sind, sind oftmals so mannigfaltig, daß man sie in einer "Theorie" nicht erfassen kann. Das geht hin bis zu künstlerischen Fragen. Die Theorie über Aufnahmebereich, Achsenwinkel und Kapselabstand beinhaltet ja nur die rein physikalischen Fakten.
Der Anfänger sucht natürlich - was völlig verständlich ist - nach Verfahrensregeln, die ihm ein gutes Ergebnis garantieren, denn er kennt ja i.d.R. die rein künstlerischen Einzelheiten wie sie Pkautzsch aufgezählt hat noch nicht .
Ich möchte auf jeden Fall verhindern, daß sich Anfänger eine Art "Kochbuchwissen" verschaffen das nach Schema F strukturiert ist. Denn dies garantiert auf die Dauer keine guten Erfolge. Wenn die Theorie sagt, daß z.B. bei Laufzeitstereofonie eine Laufzeitdifferenz von 1,5 ms genügt um eine Schallquelle nur auf einer Seite zu lokalisieren, dann bedeutet das noch lange nicht, daß das in der Praxis angewandt auch immer zufriedenstellende Ergebnisse garantiert! Nach meiner Erfahrung ist eher das Gegenteil der Fall. Ich habe schon Choraufnahmen gemacht in reiner Laufzeitstereofonie bei denen ich entgegen aller Theorie statt 1,5 ms dann 20 ms (!) benutzt habe. Und das Ergebnis kann sich hören lassen! (CD des Marburger Bachchores im Verlag "Musicaphon", Nr. M 56838)
Wenn ich von "Dilettanten" spreche, dann meine ich damit jene Leute die apodiktisch eine Lehrmeinung vertreten und alles andere nicht gelten lassen. Dogmatiker also. Und eine solche Beispielsperson habe ich ja in meinem Posting vom 01.07. (und auch in früheren Postings) genannt. Dieser Mensch meinte - weil er eben "Musiker" ist - er sei daher auch für aufnahmetechnische Fragen in besonderer Weise erschlossen. Dabei fehlten ihm aber die physikalischen und auch die psychoakustischen Grundlagen. Wie oft wollte er mir erklären, wie man gute Aufnahmen macht oder wie man Oratorien aufnimmt... Aber er selbst hat nicht eine einzige derartige Aufnahme auf die Reihe bekommen und an allen möchglichen Aufnahmen hatte er herum zu nörgeln und seine eigenen Branchenkollegen haben ihn letzlich nur ausgelacht. Er ist nicht der Einzige dieser Art die ich je kennen gelernt habe. Habe schon mehr solche Besserwisser erlebt. Soviel zu "Dilettantismus" - oder treffender gesagt: Dogmatismus.

@ Pkautzsch
"Im Falle "weiter weg" kann man oft noch etwas mittels Richtcharakteristik retten - dann ist man eben bei Nieren, schade um den schönen Tiefbass, aber besser als nix."
Hier kann ein Straus-Paket helfen. Ich habe dies derart realisiert, daß ich die Nieren und die Kugeln auf 4 Kanäle gelegt habe. Dann hat man die Möglichkeit der "Feindosierung" und behält so die Vorteile des Druckempfängers bei.

Grüße
RainerG
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aseptisch
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Re: Wo steht das Hauptmikrofon?

Beitragvon aseptisch » 12.07.2018, 20:59

Als Frischling kann man auch erstmal üben, mit den Ohren durch Herumgehen den Ort zu finden, der dem gewünschten Klang der Aufnahme am nähesten kommt. Leider rechnet das Hirn ja durch den visuellen Eindruck alles weg und verstellt die bewusste akustische Beurteilung. In der Probe die Augen schließen und sich fragen: Gefällt mir das, oder was sollte anders sein? Dichter ran gehen, weiter weg, ein bisschen probieren. Welche Defizite bleiben trotz der besten Position bestehen? Dann lernt man auch, den Eindruck über Mikrofone zu beurteilen.

Man kann dann auch „verlängerte Ohren“ verwenden, indem man die Stereo-Mikrofonanordnung auf dem Stativ mit einem Mobilrecorder und einem geschlossenen Kopfhörer anzapft und das Stativ herumträgt oder höher und tiefer stellt. Das wurde hier als „Tonsucher“ bezeichnet. Letztlich sollte aber über Lautsprecher beurteilt werden.

Oft muss man die Anordnung der Musiker und die Akustik des Raumes bei allen Defiziten irgendwie in den Griff bekommen. Kugeln sind schön, wenn der Raum gut ist. Wie laut die Musiker sind, hängt bei Kugeln mehr vom Abstand zu den Mikrofonen ab, bei Nieren usw. stärker von der Richtung, in die das Mikrofon zeigt. Abgesehen von möglichen klanglichen Verfärbungen dämpft eine Niere auf 90° von der Seite um 6 dB. Das beziehe ich in die Überlegung ein, ob die Mikrofone lieber gerade nach vorne zeigen sollten (AB-Stereo) oder gerne auch stark nach seitlich. Gewissermaßen holt man die Instrumente auf der 0°-Achse etwas näher ran und/oder gibt ihnen mehr Präsenz. Wenn seitlich z. B. zu nahe, kalt reflektierende Wände sind, dann richte ich die Mikros mit ihrer Lieblings-0°-Achse lieber nicht darauf und wähle den Mikrofonwinkel geringer und vergrößere die Basis.

Reine Intensitätsstereofonie fürs Hauptmikrofon mag ich nicht so gerne, sie klingt mir über Kopfhörer zu eng oder unlebendig, und viele Leute hören heute ja unterwegs über Kopfhörer. Eine Mischung aus Laufzeit- und Intensitätsdifferenzen, also Äquivalenzstereophonie, finde ich am angenehmsten, wenn man quasi ohne Stützmikrofone arbeitet. Von ORTF mit Nieren bis EBS mit Breiten Nieren (wenn der Raum gut ist) oder irgendwas dazwischen. Es sei denn, man kann sich akustisch leisten, Kugeln zu wählen, und gute Lokalisation hat nicht soviel Präferenz. (Extremfall Orgel-Aufnahmen.)

Wie Eberhard Sengpiel in einem Posting anmerkte, stört eine mangelhafte Raumakustik weniger, je geringer die Laufzeitdifferenzen sind. In dem Fall wäre also XY (oder ggf. Blumlein, wenn man Achten hat) vorzuziehen.

Gegen alle tolle Theorie mit Aufnahmewinkel und so gibt es hier in Kiel einen älteren Herren, der liebevoll für alle möglichen Chöre und sonstige Laienensembles aufnimmt. Er hat nur zwei Nieren MKH 40 plus Mobilrecorder und stellt sie als AB mit relativ großer Basis auf, immer gerade nach vorne zeigend. Nur 2 Köpfe höher als das sitzende Publikum. Ich habe nie nachgerechnet, ob die Basis richtig ist. Sie dürfte öfter zu groß sein. Über die Jahre hat er ziemlich gut herausgefunden, wie weit er weg sein muss, wenn der Saal oder die Kirche voll besetzt ist. Er lässt sich dann zwei Sitzpläte für die Stative reservieren.

Durch die geringe Höhe und unaufdringliche Anordnung hat er sich beliebt gemacht. Bei dem Chor, in dem ich singe, habe manchmal ich aufgenommen, wenn er verhindert war. Manchmal haben wir sogar beide aufgenommen. Ich muss eingestehen: Seine Strategie ist ziemlich robust, und man hört später etwa das, was das Publikum auch hört. (Was ja, wie wir wissen, nicht heißt, dass es eine tolle und korrekte Aufnahme ergibt!) In Bezug auf die Balance ist das aber oft gar nicht schlecht für nur 2 Mikrofone. Während die vorderen Sängerinnen unseres sehr gebogen stehenden Chores zu laut in meine viel dichter stehende (sagen wir ORTF-) Anordnung schreien, profitiert er von dem größeren Abstand, und die in der Mitte stehenden, entfernteren Sänger singen mehr in Richtung des Mikrofons, die seitlichen singen sich nur gegenseitig an.

Bei Aufnahmen mit z. B. Chor + Orchester hätte ICH das Ensemble dann vielleicht mit einer wunderbaren Stereo-Abbildung eingefangen, leider ist das Orchester in 3 m Höhe und viel näher dran viel zu laut und der weiter weg stehende Chor zu leise. Die MKH 40 des älteren Herren nehmen das Orchester viel schwächer auf, der Klang geht nach oben. Der Chor singt aber nach vorne, zum Mikrofon. Die Balance hat er recht gut gefunden.

Bei Werken mit Gesangssolisten ist er weit genug weg, dass die Solisten nicht zu seitlich ins Mikrofon singen, und auch von der Balance her passt das recht gut. Durch den größeren Abstand ergibt sich außerdem die klangliche Vermischung, die die Musiker*innen oder Chorist*innen mögen. Bei der Präsenz gibt es allerdings einige Defizite, und in manchen Räumen klingt es etwas topfig. Durch die geringe Höhe hat er natürlich Publikumsgeräusche aus erster Hand drauf.

Ich werde mir seine Strategie bestimmt nicht zueigen machen, aber wenn man auf zwei Mikrofone limitiert ist, IST das eine valide Strategie, muss ich eingestehen. In Bezug auf die Balance passt sie recht gut.

Peinlicherweise habe ich seine zwei Kanäle zugemischt, um bei meinen 22-kanaligen Aufnahmen unseres Weihnachtsoratoriums einen runderen Klang und ausreichend lauten Chor hinzukriegen. Die schräg nach unten geneigten Nieren meiner Strauspakete konnte ich bei Chorsätzen nicht brauchen.

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Re: Wo steht das Hauptmikrofon?

Beitragvon RainerG » 12.07.2018, 22:53

aseptisch hat geschrieben:... Leider rechnet das Hirn ja durch den visuellen Eindruck alles weg und verstellt die bewusste akustische Beurteilung. In der Probe die Augen schließen und sich fragen: Gefällt mir das, oder was sollte anders sein? Dichter ran gehen, weiter weg, ein bisschen probieren. Welche Defizite bleiben trotz der besten Position bestehen? Dann lernt man auch, den Eindruck über Mikrofone zu beurteilen.


Genau das ist ein großes Problem: Das Auge "hört" mit! Vor allem dann, wenn man bei Liveaufnahmen im selben Raum sitzen muß wo die Darbietung statt findet. Da kann man sich sehr leicht täuschen. Wenn ich in einem Konzert sitze wo ich keine Aufnahmen mache, dann mache ich manchmal auch die Augen zu und höre nur auf das rein akustische Geschehen (wenngleich das auch nicht ganz einfach ist, weil man den optischen Eindruck doch im Kopf hat). Dann hört man erst mal "was man alles nicht hört" und was man sich dann bei Aufnahmen durch die Verwendung von Stützmikrofonen, künstlichem Hall, Entzerrung und sonstiges verbessert.

aseptisch hat geschrieben:Reine Intensitätsstereofonie fürs Hauptmikrofon mag ich nicht so gerne, sie klingt mir über Kopfhörer zu eng oder unlebendig.... Es sei denn, man kann sich akustisch leisten, Kugeln zu wählen, und gute Lokalisation hat nicht soviel Präferenz. (Extremfall Orgel-Aufnahmen.)


Reine "Intensitässtereofonie" mit einer X/Y klingt auch sehr unnatürlich, selbst dann wenn der Aufnahmebereich gut gewählt und gut ausgenutzt ist. Es fehlt einfach der Raumeindruck - die Signale sind zu hoch korreliert, was ja in der Realität niemals der Fall ist.
Eine M/S-Anordnung mit einer Kugel (sollte ein echter Druckempfänger sein) und einer Acht klingt da schon wesentlich besser.
Bei Orgelaufnahmen habe ich mit Blumlein ganz gute Erfahrungen (mache ich mit SM 69 bzw. QM 69)

aseptisch hat geschrieben:Bei Werken mit Gesangssolisten ist er weit genug weg, dass die Solisten nicht zu seitlich ins Mikrofon singen, und auch von der Balance her passt das recht gut. Durch den größeren Abstand ergibt sich außerdem die klangliche Vermischung, die die Musiker*innen oder Chorist*innen mögen. Bei der Präsenz gibt es allerdings einige Defizite, und in manchen Räumen klingt es etwas topfig. Durch die geringe Höhe hat er natürlich Publikumsgeräusche aus erster Hand drauf.


Das ist wieder der typische Fall wo ich immer sage: "Die Physik schenkt uns nichts!"

Vielleicht bei dieser Gelegenheit noch eine Anmerkung - die ich auch jedem Anfänger mitgeben möchte: Eine Mischung bei Liveaufnahmen über Kopfhörer so hin zu bekommen daß es auch anschließend über Lautsprecher gut klingt, ist eine Übungssache die lange Zeit braucht! Auch das lernt man nicht von heute auf morgen und es gibt auch kein Patentrezept und keine Theorie dazu. Man muß einfach üben und hören.


Grüße
RainerG
Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur wieder auf (Quelle unbekannt).
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