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Wirkt AB Niere schmaler als AB Kugel?

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max
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Re: Kugel-Mikrofone klingen anders als Nieren-Mikrofone

Beitragvon max » 27.03.2010, 19:44

ebs hat geschrieben:Es war eine zeitlang üblich, zu Füßen des Kontrabasses als Stützmikrofon ein Grenzflächenmikrofon zu legen, weil das ein wichtiger Aufnahme-Guru als Non-Plus-Ultra vorschlug. Auch dieses habe ich bei obigem Versuch gleichzeitig untersucht. Seit dem kommt bei mir kein Grenzflächenmikrofon mehr unter den Kontrabass (aber auch nicht unter und vor den Flügel).

Hallo Ebs,
nach mehreren Versuchen und Proben kam ich auch zu ähnlichem Schluß: ich benutze Grenzflächen nicht mehr.

RainerG hat geschrieben:Da drängt sich sofort die Frage auf:
Warum bilden dann Kugeln (reine Druckempfänger!) die Tiefenstaffelung korrekter ab als Nieren (Druckgradientenempfänger) ?

Ich denke, weder Kugel noch Niere. Eher die Kombination aus Kugel und Niere. Warum? Sitze ich als ein Zuhörer im Saal, dann arbeitet mein Gehör zusammen mit Augen. Kucke ich auf den Chor - so hören meine Ohren den Chor etwas lauter, als wenn ich auf die Streicher kucke. Würde ich mit geschlossenen Augen sitzen - so würden vielleicht die Kugel das Klangbild so ähnlich wie mein Gehör übertragen. Wenn aber dabei auch die Augen im Spiel sind - kommt auch gewisse Richtwirkung.

Wenn es um ein Mittschnitt geht, bringt die Kombination Kugel + Niere mehr Ähnlichkeit zu dem, was ich gehört habe. Natürlich ist das bei Klausuraufnahmen anders, dort kann man alles machen, weil der Zuhörer die Instrumenten und die Sänger nicht sehen kann.

Gruß,
Max.

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ebs
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Re: Kugel-Mikrofone klingen anders als Nieren-Mikrofone

Beitragvon ebs » 27.03.2010, 20:17

ebs hat geschrieben: Dazu gehört auch meine kaum bekannte Feststellung:
Nähert sich ein Sprecher einem Mikrofon mit Nierenrichtcharakteristik, so hört man wirklich: Er kommt näher.
Nähert sich dagegen ein Sprecher einem Mikrofon mit Kugelcharakteristik, so hört man eher: Er wird lauter.

RainerG hat geschrieben: Da drängt sich sofort die Frage auf:
Warum bilden dann Kugeln (reine Druckempfänger!) die Tiefenstaffelung korrekter ab als Nieren (Druckgradientenempfänger)?

Bei der ersten Feststellung ist sicher recht nahe Einzelmikrofonierung gemeint, wie das ganz besonders bei der Bass-Drum üblich ist. Da sollte man sich auch überlegen, will man es lauter oder eher näher haben? Jedenfalls macht die typische 1 cm nahe Chaos-Schall-Abnahme am Fell die Bass-Drum im Klang kleiner (!) und nicht wie gewünscht größer und wuchtiger. Das gilt auch für die schwierige Abnahme der Snare.

Rainer betrachtet dagegen den Fall von AB-Hauptmikrofon-System mit Kugelcharakteristik gegenüber Nierenrichtcharakteristik, möglicherweise auch Äquivalenzstereofonie bzw. Koinzidenzstereofonie bei Schallquellen in größerem Abstand und einiger Räumlichkeitsumgebung.

Ja, auch das ist bestimmt bedenkenswert. Die Betrachtung und der Unterschied von Groß- und Kleinmikrofonen gehört auch hierzu.

Viele Grüße ebs
ebs - Mikrofonaufnahmetechnik und Tonstudiotechnik
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Beitragvon max » 07.04.2010, 14:42

Guten Tag,

hier kann ich ein Beispiel zum Vergleich bieten. Nach einem Jahr wurden zwei Mittschnitte gemacht. Gleiches Stück, gleiche Kirche, gleiche Besetzung und Dirigent.

Vor einem Jahr war das AB 55 cm mit Kugel:
http://www.4shared.com/file/258976360/6544034e/Kugel_Pergolesi_-_Stabat_mater.html

Vor kurzem war das AB 50 cm mit Nieren:
http://www.4shared.com/file/258977891/2132a793/Niere_Pergolesi_-_Stabat_mater.html

Selbstverständlich war Stativ unterschiedlich platziert. Tempo und Charakter sind auch verschieden, das hängt ja von der Stimmung des Dirigentes ab.

Welche Aufnahme ist besser? Je nachdem. Mir selber gefällt die Variante mit Kugel am besten, aber auch die andere hat ihre Vorteile...

Gruß,
Max.

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Der gleiche Raum?

Beitragvon orgelmatt » 07.04.2010, 18:11

Hallo Max!

Also, wenn das der gleiche Raum war, dann stand Dein Hauptmikrofon-Stativ aber definitif ganz woanders, oder? Daß die Richtcharakteristik alleine einen sooo starken Unterschied macht, hätte ich noch nie erfahren, hochinteressant. Für mich klingt Dein zweites Beispiel so, als würden Deine Mics wesentlich näher am Ensemble stehen.
Wir können von Hauptsystem ohne Stützen ausgehen, oder?
Im ersten Klangbeispiel ist jedenfalls deutlich mehr Raumklang dabei, nach meinem Geschmack in diesem Falle klar zu bevorzugen, da der Raum schön klingt und die Deutlichkeit nicht negativ beeinflusst.

Gruß, M.

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Beitragvon max » 07.04.2010, 19:28

Hallo orgelmatt,

ich weiß nicht genau, wie Stativ während der Nieren-Aufnahme stand. Ich selbst konnte nicht dabei sein, ich habe Recorder und anderes dem Freund (der dirigiert hat) gegeben und Halterungen an der Schiene im voraus auf 50 cm gestellt. Auch erklärt, wie ungefähr zu machen ist. Er sagte, Mikrofon stand seitlich, um im Mittelgang nicht zu stören. Kugel-Aufnahme: Mikrofone standen etwa über dem Kopf von Dirigenten (zwar etwas seitlich).

Die Kirche, die Besetzung - alles gleich. Und die Kirche war in beiden Fällen voll.

Ich habe gedacht, ich gebe dem Freund lieber die Nieren, weil die Kugel etwas feinere Einstellung brauchen, so ist die Wahrscheinlichkeit für eine brauchbare Aufnahme mit Nieren bei Anfänger höher. Und mit mehreren Mikrofonen zu machen - das wäre für ihn auch zu kompliziert, die Wahrscheinlichkeit für Fehler würde noch größer.

Gruß,
Max.

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Re: Kugel-Mikrofone klingen anders als Nieren-Mikrofone

Beitragvon orgelmatt » 10.04.2010, 08:33

ebs hat geschrieben:
ebs hat geschrieben: Dazu gehört auch meine kaum bekannte Feststellung:
Nähert sich ein Sprecher einem Mikrofon mit Nierenrichtcharakteristik, so hört man wirklich: Er kommt näher.
Nähert sich dagegen ein Sprecher einem Mikrofon mit Kugelcharakteristik, so hört man eher: Er wird lauter.


Das ist ja ein interessanter Effekt. Gilt er auch im reflektions-freien Raum?
Im Raum mit hohem Reflektions-Niveau kann man sich diesen Effekt ja noch durch die Laufzeitunterschiede und Klangfärbungen zwischen Direktschall und rückwärtigen Reflektionen erklären, das Nieren-mik verhält sich in diesem Kontext ja ähnlicher zum "natürlichen" Hörvorgang. Das ist dann über Lautsprecher - und bestimmt noch stärker im Kopfhörer - nachvollziehbar.

Im reflektionsfreien Raum (auch schon im Freien) komme ich aber in Erklärungsnotlage, ich bitte um Aufklärung!

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Beitragvon max » 10.04.2010, 13:30

Na gut, AB mit Kugel, AB mit Nieren...

Für mich wäre aber interessant, wie AB mit Hypernieren gelingt?

Ich habe leider noch keine Hypernierenkapsel. Aber ich vermute, wenn es um eine Besetzung wie großen Barockorchester + großen Chor geht, könnte es sinnvoll werden, Straus-AB mit Kugel + Hypernieren zu machen?

Bei dem Mitschnitt bleibt gewöhnlich nicht so viel Zeit, und wenn eine solche Kombination die Notwendigkeit von Chorstützen reduzierte, würde ich mich freuen... Hypernieren haben wohl schlechteren Frequenzgang, aber für den Chor, dazu mit Kugel zusammen, könnte das vielleicht doch gehen?

Meine Erfahrung mit Straus-AB Kugel + Niere sagt: wenn AB-Schiene genug hoch steht, ist Orchester nicht so unterdruckend. Dann arbeitet solches Pärchen wirklich wie ein Fotoapparat mit Zoom, man kann die Sprachverständlichkeit auch ohne Chorstützen verbessern, aber nicht immer genug. Und mit Hypernieren könnte solches noch stärker wirken (oder gar mit Straus-AB Kugel+Acht)?

Die Variante Kugel + Acht hat übrigens ein kleines Problem: die Achse von Acht ist gewöhnlich anders als die Achse von Kugel, und was gut für MS ist, wäre für AB-Straus Kugel + Acht eher störend. Ganz zu schweigen davon, daß Acht-Kapsel etwa doppel so teuer ist wie Hyperniere von gleicher Qualität. Deshalb lieber Kugel + Hyperniere...

Gruß,
Max.

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Kleinmembranmikrofone Hypernieren mit bestem Frequenzgang

Beitragvon ebs » 10.04.2010, 14:36

max hat geschrieben:Hypernieren haben wohl schlechteren Frequenzgang, aber für den Chor, dazu mit Kugel zusammen, könnte das vielleicht doch gehen?

Max, sieh dir doch mal die erste Quiz-Frage an:
http://www.sengpielaudio.com/Quizaudio01.htm
Und dann gibt es dort eine "Lösungshilfe".

Welche Mikrofon-Richtcharakteristik hat die geringste Klangfarbenänderung bei unterschiedlicher Schalleinfallsrichtung?
http://www.sengpielaudio.com/WelcheMikRichtcharSeitlSchalleinf.pdf

Na? Die Antwort wird nicht nur dich sicher erstaunen.

Schoeps hat eine schöne Supernierenkapsel MK 41 + CMC6, die man richtig Superniere nennt.
http://www.schoeps.de/de/products/mk41
Neumann hat eine schöne Supernierenkapsel KM 145, die man dort Hyperniere nennt.
http://www.neumann.com/?lang=de&id=current_microphones&cid=km100_data

Eine theoretische Hyperniere hat eine Rückwärtsdämpfung von (−)6 dB.
Eine theoretische Superniere hat eine Rückwärtsdämpfung von (−)11,4 dB.

Unterschied zwischen Hyperniere und Superniere
http://www.sengpielaudio.com/UnterschiedHyperniereSuperniere.pdf

Ich würde bei einer echten Wahl zwischen Hyperniere und Superniere immer die Superniere wählen.

Viele Grüße ebs
ebs - Mikrofonaufnahmetechnik und Tonstudiotechnik

http://www.sengpielaudio.com

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Beitragvon max » 10.04.2010, 14:50

Ja, ich bin wirklich erstaunt... Also Super/Hyperniere...

Anders zu sagen: Super/Hyperniere hat abgesehen von Acht schlechteste Baß-Charakteristik, dafür aber die beste Winkel-Charakteristik...

Wenn es um "Zoomen" geht, hat sicher Hyperniere etwas größeren Spielraum?

Ich überlege schon lange, je ein Paar MC910 und MC930 zu kaufen. Vielleicht lieber statt MC930 doch MC950? Schade, daß MC950 nicht als Paar verkauft wird, aber ich hoffe, die Toleranz ist bei Bayerdynamik nicht zu groß... Neumann und Schoeps sind leider nicht für mich. Und MC-Serie paßt in meinen Satz gut: sie arbeitet auch mit P24.

Viele Grüße,
Max.

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Re: Kugel-Mikrofone klingen anders als Nieren-Mikrofone

Beitragvon pkautzsch » 11.04.2010, 18:25

orgelmatt hat geschrieben:
ebs hat geschrieben: Dazu gehört auch meine kaum bekannte Feststellung:
Nähert sich ein Sprecher einem Mikrofon mit Nierenrichtcharakteristik, so hört man wirklich: Er kommt näher.
Nähert sich dagegen ein Sprecher einem Mikrofon mit Kugelcharakteristik, so hört man eher: Er wird lauter.


Das ist ja ein interessanter Effekt. Gilt er auch im reflektions-freien Raum?
Im Raum mit hohem Reflektions-Niveau kann man sich diesen Effekt ja noch durch die Laufzeitunterschiede und Klangfärbungen zwischen Direktschall und rückwärtigen Reflektionen erklären, das Nieren-mik verhält sich in diesem Kontext ja ähnlicher zum "natürlichen" Hörvorgang. Das ist dann über Lautsprecher - und bestimmt noch stärker im Kopfhörer - nachvollziehbar.

Im reflektionsfreien Raum (auch schon im Freien) komme ich aber in Erklärungsnotlage, ich bitte um Aufklärung!


http://de.wikipedia.org/wiki/Nahbesprechungseffekt

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Re: Kugel-Mikrofone klingen anders als Nieren-Mikrofone

Beitragvon pkautzsch » 11.04.2010, 18:27

RainerG hat geschrieben:
ebs hat geschrieben:Dazu gehört auch meine kaum bekannte Feststellung:
Nähert sich ein Sprecher einem Mikrofon mit Nierenrichtcharakteristik, so hört man wirklich: Er kommt näher.
Nähert sich dagegen ein Sprecher einem Mikrofon mit Kugelcharakteristik, so hört man eher: Er wird lauter.


Da drängt sich sofort die Frage auf:

Warum bilden dann Kugeln (reine Druckempfänger!) die Tiefenstaffelung korrekter ab als Nieren (Druckgradientenempfänger) ?


MfG
Rainer


Diese Frage ist leider immer noch unbeantwortet.
Ich vermute ja auch hier einen Einfluß des entfernungsabhängig unterschiedlichen "Frequenzgangs" von Nieren (und anderen gerichteten Mikrofonen). Wenn es dazu aber etwas Handfesteres als meine Vermutungen gäbe, wäre das nicht verkehrt.

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Re: Kugel-Mikrofone klingen anders als Nieren-Mikrofone

Beitragvon ebs » 11.04.2010, 23:39

ebs hat geschrieben: Hier ist meine kaum bekannte Feststellung:
Nähert sich ein Sprecher einem Mikrofon mit Nierenrichtcharakteristik, so hört man wirklich beim Abhören der Tonaufnahme im Regieraum: Er kommt näher.
Nähert sich dagegen ein Sprecher einem Mikrofon mit Kugelcharakteristik, so hört man eher beim Abhören der Tonaufnahme im Regieraum: Er wird lauter, ohne näher zu kommen.

Hierzu ist zu sagen, dass ich das genau so höre und empfinde. Mir ist bekannt, dass wir bei den Hörempfindungen nicht alle das Gleiche wahrnehmen. Wenn ich Toninteressierte dazu anspreche, bekomme ich als Antwort: Schön, dass Sie das sagen, das höre ich auch so - aber auch: Davon habe ich noch nie etwas gehört, das kann ja gar nicht sein. Das habe ich nicht so gelernt. Das steht ja nicht im Dickreiter und ich höre das überhaupt nicht so.
Niemals gibt es die Forderung, dass alle so hören müssten wie ich. Vielleicht spinne ich ja und bilde mir das nur ein. Darauf habe ich ein Recht.
Der von mir gehörte Effekt hat mit Stereo und dem Raum eher weniger zu tun, denn dieses empfinde ich auch mit "einem" Mikrofon. Beispielsweise höre ich mit einem nahen Nieren-Stützmikrofon bei einem Solisten deutlich, dass diese Stütze beim Hinzumischen zur Stereosumme einen Näheeindruck transportiert, während ich den Eindruck bei einer Kugel-Stütze nicht habe. Als zu stützendes Instrument mit diesem mir aufgefallenen Effekt habe ich erlebt: Pauken, Kontrabass, Gran Cassa, Harfe, Tuba, Gesangstimme und Sprecher.
Die Frage, ob dieser Effekt in einem halligen Raum stärker auftritt, als in einem reflexionsarmen Raum, kann ich nicht beantworten, weil ich ja Praktiker und weniger wissenschaftlicher Forscher bin und meine akustischen Musikinstrumente und Stimmen sich nie in reflexionsarmen Räumen befinden.

pkautzsch hat geschrieben: Das ist ja ein interessanter Effekt. Gilt er auch im reflektions-freien Raum? Im Raum mit hohem Reflektions-Niveau kann man sich diesen Effekt ja noch durch die Laufzeitunterschiede und Klangfärbungen zwischen Direktschall und rückwärtigen Reflektionen erklären, das Nierenmikrofon verhält sich in diesem Kontext ja ähnlicher zum "natürlichen" Hörvorgang. Das ist dann über Lautsprecher - und bestimmt noch stärker im Kopfhörer - nachvollziehbar. Im reflektionsfreien Raum (auch schon im Freien) komme ich aber in Erklärungsnotlage, ich bitte um Aufklärung.

Dazu muss erst einmal der von Ebs vorgebrachte Effekt Nummer 1 (Näheeindruck bei Kugeln und Nieren) als solcher allgemein erkannt und verstanden werden. Dann kann man sich um eine plausible Erklärung bemühen und sich auch fragen, wie dieser interessante Effekt des Näherkommens oder der empfundenen Nähe extra nutzbringend bei einer Tonaufnahme eingesetzt werden kann oder auch wie man das verhindern kann, wenn der Effekt der Näheschwankung nicht gewünscht wird.

Die folgende Frage hängt eher weniger mit meiner obigen Feststellung zusammen, denn Tiefenstaffelung hat sicher nichts mit einem nahen Kugel- oder Nieren-Stützmikrofon zu tun, sondern eher etwas mit Stereo-Räumlichkeit in einem gewissen Abstand vom Klangkörper.

RainerG hat geschrieben: Da drängt sich sofort die Frage auf: Warum bilden dann Kugeln (reine Druckempfänger) die Tiefenstaffelung korrekter ab als Nieren (Druckgradientenempfänger)?

Auch hier muss man genau hinterfragen. Hören das alle so? Was heißt korrekter? Volker Straus behauptete provokativ, dass es keine Tiefenstaffelung gäbe. Wir können ihn nicht mehr fragen, wie er das gemeint hat. Es ist jedenfalls nachdenkenswert.

pkautzsch hat geschrieben: Diese Frage ist leider immer noch unbeantwortet.
Ich vermute ja auch hier einen Einfluß des entfernungsabhängig unterschiedlichen "Frequenzgangs" von Nieren (und anderen gerichteten Mikrofonen). Wenn es dazu aber etwas Handfesteres als meine Vermutungen gäbe, wäre das nicht verkehrt.

Dazu muss erst einmal der von RainerG genannte Effekt Nummer 2 (Tiefenstaffelung bei Kugeln und Nieren) als solcher allgemein erkannt und verstanden werden. Dann kann man sich um eine plausible Erklärung bemühen und sich auch fragen, wie dieser Effekt der Tiefenstaffelung nutzbringend bei einer Tonaufnahme eingesetzt werden kann oder auch wie man zu große Tiefenstaffelung mildern kann, wenn dieser Effekt eben nicht gewünscht wird.

Ob man beide Effekte mit einer Antwort erklären kann, wage ich zu bezweifeln. Peter ahnt wohl schon, dass das zwei unterschiedliche Dinge sein könnten. Er hat ja zwei getrennte Postings mit Fragen hierzu geschrieben, die meine Gedanken zu diesen Themen weiter vertieft haben.

"Kugel-Mikrofone klingen anders als Nieren-Mikrofone." Beim Hören der Tonaufnahme ergeben sich unterschiedliche Wirkungen bei der Empfindung des Näherkommens für den Mikrofonen nahe Schallquellen und bei der Empfindung der Tiefenstaffelung für den Mikrofonen entfernte Schallquellen.

Viele Grüße ebs

Eventuelle Gedanken-Hilfen:
Die Anfangszeitlücke (ITDG = Initial Time Delay Gap) und der Näheeindruck
http://www.sengpielaudio.com/DieAnfangszeitlueckeNaeheeindruck.pdf
Die Anfangszeitlücke ITDG und Pre-Delay Delta t
http://www.sengpielaudio.com/AnfangszeitlueckeUndPredelay.pdf
Was bedeutet die wichtige Anfangszeitlücke ITDG?
http://www.sengpielaudio.com/WasBedeutetAnfangszeitluecke.pdf
'Ambience' - ein nützliches Räumlichkeitsprogramm
http://www.sengpielaudio.com/Ambience-EinRaeumlichkeitsprogramm.pdf
Theoriegrundlagen: Laufzeit-Stereofonie
http://www.sengpielaudio.com/TheorieGrundlaLaufzeit.pdf
Der Nahbesprechungseffekt in der ständigen Diskussion
http://www.sengpielaudio.com/NahbesprechungseffektDiskussion.htm
ebs - Mikrofonaufnahmetechnik und Tonstudiotechnik

http://www.sengpielaudio.com

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Beitragvon noki » 12.04.2010, 11:31

Vielleicht hängt die Nähewahrnehmung bei Nieren auch mit den Eigenschaften des akustischen Nahfelds (sind wir nah genug?) zusammen, denn dadurch, daß hier Schnelle und Druck eine andere Phasenlage und andere Pegelverhältnisse haben, ändert sich entfernungsabhängig höchstwahrscheinlich nicht nur die Tiefenwiedergabe sondern auch die Richtcharakteristik. Ich habe diesen Effekt nicht untersucht, aber er ist möglicherweise nicht unerheblich (müßte man einmal rechnerich nachvollziehen).
Im Gegensatz dazu, spielt für einen reinen Druckempfänger die Phase zur Schnelle oder der relative Schnellepegel natürlich keine Rolle.

Nils

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Schallschnelle zur Erklärung der Mikrofone nicht notwendig

Beitragvon ebs » 12.04.2010, 12:11

noki hat geschrieben:Vielleicht hängt die Nähewahrnehmung bei Nieren auch mit den Eigenschaften des akustischen Nahfelds (sind wir nah genug?) zusammen, denn dadurch, daß hier Schnelle und Druck eine andere Phasenlage und andere Pegelverhältnisse haben, ändert sich entfernungsabhängig höchstwahrscheinlich nicht nur die Tiefenwiedergabe sondern auch die Richtcharakteristik.

Wichtige Aussagen eines Mikrofonentwicklers, die wenig bekannt sind: Offensichtlich wird der Begriff "Schallschnelle" zur Erklärung des Verhaltens der Mikrofone nicht benötigt. Mikrofonmembranen werden durch Kräfte bewegt, die durch Drücke bzw. Druckdifferenzen verursacht werden.
Dagegen ist die Schallschnelle bei der Schallerzeugung von elementarer Bedeutung. Lautsprecher erzeugen über die Membranbewegung zunächst eine gleich große Schallschnelle unmittelbar vor der Membran. Die Physik des Schallfeldes bedingt aber feste Beziehungen zwischen Schallschnelle und Schalldruck. Genau das ist die physikalische Wesenheit des Begriffs "Schallfeld".
Das Schallmedium erzeugt gewissermaßen aus der Schnelle einen Druck, den wir dann unmittelbar mit unseren Ohren oder mittelbar über die Mikrofone wahrnehmen können; siehe:
"Schallschnelle, Druckgradient und Mikrofone":
http://www.sengpielaudio.com/SchallschnelleDruckgradientMikrofone-HibbingMails.pdf

Darum sollte ein Tontechniker, Ohrenmensch und Mikrofonanwender bei der Tonaufnahme möglichst nicht das Wort "Schnelle oder Schallschnelle" benutzen, das hingegen die Lautsprecheranwender benötigen.

Am Richtmikrofon ergibt sich zwischen der Vorder- und Rückseite der Mikrofonmembran eine Druckdifferenz, die wir Druckgradient nennen.

So einfach ist das, wenn es einem gesagt wird und wir dabei nicht von der Schallschnelle reden, die weder Mikrofonmembranen noch unsere Trommelfelle bewegt.

Viele Grüße ebs

PS: Aus der nicht einfachen Diskussion mit Mikrofonentwicklern und Akustikern ist folgendes Blatt entstanden:
"Schallschnelle und Druckgradient sind nicht das Gleiche":
http://www.sengpielaudio.com/SchallschnelleIstNichtDruckgradient.pdf
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Beitragvon noki » 12.04.2010, 13:31

Willst Du damit andeuten, daß alle Schallintensitätssonden, die mit 2 Druckempfängern arbeiten, nicht funktionieren können (abgesehen von den wenigen Microflowns sind das ja fast alle die es gibt)??? Denn hier wird die Schnelle direkt aus der Druckdifferenz bestimmt.
Druckgradienten und Schallschnellen sind voneinander abhängige Größen, die sich leicht ineinander überführen lassen -> das eine bedingt das andere und umgekehrt (auch wenn sie nicht unmittelbar identisch sind)! Insofern ist ein Druckgradientenempfänger auch immer eine "Art" Schnelleempfänger, da eine Druckdifferenz auch immer eine Schnelle zur Folge hat. Übrigens messen wir bei Mikrofonen ja auch nicht die Druckdifferenz, sondern die Auslenkung der Membran (= Membranschnelle integriert über Zeit). Schnelle und Druck sind immer über Impedanzen miteinander verknüpft.
Deshalb muß an Impedanzsprüngen (Lautsprecher- oder Mikrofonmembran bzw. Laufzeitglieder) auch immer der Schnelle mitbetrachtet werden, da der Druck alleine keine Erhaltungsgröße der Energie ist. Die Intensität ist die umfassendste Schallfeldgröße.

Energie kann nur von Luft nach Membran transferiert werden, wenn sowohl Druck wie auch Schnelle einen Beitrag liefern, und die Impedanz bestimmt das Verhältnis dieser Größen (hohe Impedanz -> Druck dominiert). Schnelle = 0 (z.B. Wand) bedeutet Totalreflexion.

Nils


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