Mikrofonierung Hornquartett vor Blasorchester

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chaosstudio
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Mikrofonierung Hornquartett vor Blasorchester

Beitragvon chaosstudio » 17.04.2017, 22:07

Hallo Zusammen,

ich habe mal wieder eine Aufnahmesituation bei der ich gern Euren Rat einholen möchte, mir ist sie nicht sehr gut gelungen:
Ein Hornquartett spielt vor einem Symphonischen Blasorchester (Gioacchino Rossini/ Arr Georges Moreau; Le Rendez-vous de Chasse).
Die vier Horn Solisten stehen im Halbkreis links vom Dirigenten (Vor der ersten Klarinette). Es geht um eine reine Aufnahme des Konzertes.
Wie würdet Ihr die Solisten aufnehmen?

Ich habe das Orchester mit ORTF als HM und 12 weiteren Stützen aufgenommen. Den vier Solisten habe ich ein Shure VP88 vor ihren Halbkreis gestellt. Die vier Hörner beginnen das Stück solistisch, da funktioniert das VP88 recht gut, mein ORTF ist dann der Raum dazu. Doch mit Orchester bin ich mit dieser Lösung nicht sehr glücklich.

Hat wer Ideen oder Erfahrungen zur Hornaufnahme?

Danke im Voraus, Grüße aus Dresden
Torsten

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RainerG
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Re: Mikrofonierung Hornquartett vor Blasorchester

Beitragvon RainerG » 17.04.2017, 22:35

Hallo Torsten,

Das ist in der Tat etwas schwierig mit den Hörnern.
Ich würde hier versuchen, zunächst die Hörner über das Hauptsystem in das Orcherstklangbild zu integrieren, aber dann ganz vorsichtig stützen indem Du die Stützmikrofone HINTER die Hörner stellst - also so, daß sie nach dem Trichter hin zeigen. Da die Gefahr besteht, daß der Klang schnell zu direkt und zu "dick" wirkt nur mit aller Vorsicht die Stützen zumischen. Auf Verhallung derer würde ich vorerst verzichten, damit sich die Hörner auch akustisch VOR das Orchester setzen.
Die Stützen sollen also nur dazu dienen, die Hörner mehr in den Vordergrund zu ziehen.

Eine bessere Lösung fällt mir da momentan auch nicht ein. Mal sehen was die anderen Kollegen dazu meinen.

Grüße
RainerG
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Re: Mikrofonierung Hornquartett vor Blasorchester

Beitragvon LoboMixx » 17.04.2017, 23:34

Ich hatte bisher die Gelegenheit, das 1. Hornkonzert von Strauss op. 11 und das Konzertstück für 4 Hörner und Orchester op. 86 von Robert Schumann aufzunehmen. Bei dem Orchester handelte es sich jeweils um ein (durchaus gehobenes) Amateur-Orchester, die Solisten waren Profis, die das Orchester engagiert hatte.
Die Solistin beim Strauss stand direkt links neben dem Dirigenten, für das Orchester hatte ich eine (Äquvalenz-)Stereo-Hauptmikrofon-Anordnung genommen, dazu die (würde ich so sagen) üblichen verteilten Stützen. Der Solistin hatte ich eine Mono-Stütze von vorne gesetzt, da der Hornklang auch akustisch/live stets so gehört wird (der Trichter zeigt in der Klassik praktisch nie zum Publikum, wenn es nicht wie bei G. Mahler ganz selten eine dezidierte Anweisung dazu gibt) und die Solistin entfernt genug zu den ersten Geigen stand.
Die Abbildung war gut mit guter Integration in den Orchesterklang.

Beim Schumann war ebenfalls zunächst eine Aufstellung in einer vierer-Reihe links vom Dirigenten vorgesehen und ich hatte meine Mikrofonierung entsprechend vorbereitet. Leider war aus Termingründen die Solisten betreffend, die teilweise von auswärts kamen, nur eine einzige Probe möglich, nämlich nur am Sonntag vor dem Konzert. Auf der eigentlichen Generalprobe am Samstag davor wurde bei diesem Stück nur noch einmal ein Durchlauf mit dem Orchester alleine gemacht. Da sich die vorgesehene Aufstellung am Sonntag als ungünstig hinsichtlich des Kontakts zum Dirigenten heraus stellte, wurde die Aufstellung kurzerhand geändert. Die Solisten stellten sich nun mittig vor den Dirigenten, also ins Orchester (vor die Bratschen). Allerdings nicht als vierer-Reihe nebeneinander, sondern mangels ausreichend Platz zwei + zwei hintereinander.
Für den Kontakt definitiv besser, für meine ebenso spontan umzustellenden Stützen weniger ideal. Ich hatte zwei Mikrofone in A/B-Aufstellung vor der vierer-Reihe vorgesehen, aber dann diese beiden Mikros gezwungenermaßen jeweils links und rechts von der Gruppe neu aufgestellt, von schräg oben auf die Spieler ´schauend´.
Klanglich vom Ergebnis her immer noch o.k., aber sicher suboptimal.

Gut, wenn nicht ideal, wäre sicher eine vierer-Reihe mittig vor dem Dirigenten gewesen, die hätte ich in diesem Fall wahrscheinlich am besten von der Trichterseite her stützen können (um die Hörner besser vom Orchester zu separieren in den Stützen). Bei der gewählten Aufstellung zwei + zwei hintereinander hätte ich mit Mikrofonen von hinten (die Spieler standen sehr dicht beisammen) die vorderen nicht von den hinteren sinnvoll trennen können, da die vorderen immer auch im hinteren Mikro satt eingestreut hätten. Wahrscheinlich hätte da eine Mono-Stütze von hinten ausgereicht, aber erstens hatte ich zwei Mikrofone ´übrig´, und zweitens wollte ich die 4 Hörner nicht nur als ein Mono-Signal haben.
Bei der ursprünglichen Aufstellung links vom Dirigenten in einer Reihe (wie es auch bei dir vorgesehen ist) kann man sicher gut mit zwei Mikrofonen eine Art Stereo-Stütze aufbauen, aber die Hörner werden immer stark im linken Kanal dominieren. Zur Mitte hin pannen dürfte mit dem Hauptmikrofonsignal nicht gut zu vereinbaren sein.

Wenn die Hornsolisten richtig gut spielen können, womöglich auch Profis sind (aber nicht nur dann), dann ist auf der Trichterseite eine unglaubliche Dynamik zu erwarten und ein Forte/Fortissimo, dass "sich gewaschen hat" (mir haben beim erwähnten Konzert die Bratschen richtig leid getan, ich selber habe mal einen ganzen Life-Mitschnitt lang im direkten Schalltrichter-Projektionsbereich der Orchester-Hörner gesessen - auch in fast 10 Metern Entfernung war jedes sfz ein "Knaller"). Deshalb mikrofoniere ich Hörner in der Klassik lieber von vorne.
Wenn sie sich dann aber nicht ausreichend vom Orchester absetzen, dann würde ich auch die Mikrofonierung von der Trichterseite bevorzugen, wie RainerG es schon beschrieben hat und ebenfalls "mit aller Vorsicht" zumischen.

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Re: Mikrofonierung Hornquartett vor Blasorchester

Beitragvon pkautzsch » 18.04.2017, 20:42

Mit Schumann hatte ich auch schon mal das "Vergnügen". Da waren es dann zwei Nieren, die etwa auf Brusthöhe zwischen je zwei Hörner gerichtet waren, vom Spieler aus gesehen von rechts vorne. Das mache ich auch bei einem einzelnen Solo-Horn gerne so (dann aber auch mit Klein-AB) weil es von den ersten Geigen wegzeigt und nicht den oft sehr posaunenähnlichen Trichterklang produziert. Man bekommt eine schöne "süßliche" Präsenz. Für mehr Volumen in der Stütze reicht schon ein hölzernes Notenpult ohne langen Fuß, hinter dem Horn aufgestellt, als Reflexionsfläche. Man kann, wenn man will, da natürlich noch eine Kugel drauflegen als Quasi-PZM, aber das wäre ja Arbeit...

Hauptsystem hierbei war bislang immer ein Kugel-Dreieck im Orchester, wo auch noch reichlich Trichterschall ankommt.

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Thomas K
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Re: Mikrofonierung Hornquartett vor Blasorchester

Beitragvon Thomas K » 19.04.2017, 17:27

chaosstudio hat geschrieben:Hallo Zusammen,

ich habe mal wieder eine Aufnahmesituation bei der ich gern Euren Rat einholen möchte, mir ist sie nicht sehr gut gelungen:
Ein Hornquartett spielt vor einem Symphonischen Blasorchester (Gioacchino Rossini/ Arr Georges Moreau; Le Rendez-vous de Chasse).
Die vier Horn Solisten stehen im Halbkreis links vom Dirigenten (Vor der ersten Klarinette). Es geht um eine reine Aufnahme des Konzertes.
Wie würdet Ihr die Solisten aufnehmen?

Ich habe das Orchester mit ORTF als HM und 12 weiteren Stützen aufgenommen. Den vier Solisten habe ich ein Shure VP88 vor ihren Halbkreis gestellt. Die vier Hörner beginnen das Stück solistisch, da funktioniert das VP88 recht gut, mein ORTF ist dann der Raum dazu. Doch mit Orchester bin ich mit dieser Lösung nicht sehr glücklich.

Hat wer Ideen oder Erfahrungen zur Hornaufnahme?

Danke im Voraus, Grüße aus Dresden
Torsten


Hallo Torsten,

auch wenn meine kürzlich gemachten Erfahrungen nur zum Teil mit Deiner Frage zu tun haben, seien sie hier kurz erwähnt:

Ich hatte ein Konzert mit einem 20stimmigen Vokalensemble (Laien, aber gehobenes Niveau) und einem 10köpfigen Orchester (Profis) aufzunehmen.
Es ging um Bachkantanten und a capella Musik zeitgenössischer Komponisten (Pärt, Nystedt, Arnesen).
Bei lediglich zwei Stücken gab es eine Tutti-Begleitung des Orchesters, ansonsten b.c. Begleitung und ein Streichquartett.
Und dieses Streichquartett hatte mir im Vorfeld etwas Sorgen gemacht, da es am äußersten linken Rand des Orchester-Halbkreises saß, in sich noch etwas eingedreht.
Ursprünglich hatte ich vor, Chor und Orchester komplett durchzumikrofonieren. Da der Chor teilweise 7stimmig gesungen hat, plante ich insgesamt 19 Mikrofone (Hauptmikrofon als A/B und Stützen). Bis die Chorleiterin mich 3 Wochen vor dem Konzert nach einem Probenwochenende anrief und mich händeringend bat, die Anzahl der Mikros auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. Sie hatte Angst vor der Nervösität des Chores und auch der Musiker bei vielen, eben auch optisch präsenten Mikrofonen.
Und so habe ich - gewissermaßen aus der "Not" heraus - etwas probiert, was ich schon immer ausprobieren wollte, aber, getreu dem Motto: "Nichts ändern von dem man weiß, dass es auf jeden Fall funktioniert" bislang eben nie gemacht habe:
Ich habe mit insgesamt nur 5 Mikros gearbeitet, einem Decca Tree und zwei Outriggern. Wobei der Decca Tree klasisch aufgestellt war, ins Orchester hinein, Basis ca. 2m, das Mittenmikro ca. 1,50m von der vorderen Grundlinie entfernt. Höhe jeweils 3,10m. Zum Einsatz kamen Kugeln.
Die Outrigger habe ich etwas exotisch eingesetzt, nicht auf der selben Grundlinie wie die vorderen Decca-Mikros (das Orchester war bei 10 Musikern lediglich einreihig im Halbkreis) sondern als Stützen links und rechts außen vor dem Chor, also hinter dem Orchest. Höhe hier ebenfalls ca. 3m, zum Einsatz kamen Nieren.
Das Ergebnis hat mich mehr als positiv überrascht. Eine Räumlichkeit und Tiefenstaffelung, wie ich sie bislang noch mit keiner A/B oder EBS-Anordnung hingekommen habe. Die beiden Chorstützen wurden mit -10dB nur soviel dazugefahren, dass der Chor akustisch gerade eben an den äußeren Rändern der Stereobasis auftauchte. Auch die reinena capella Stücke klangen räumlich, in der Basis sehr gut aufgelöst und trotzdem präsent.
Und das Streichquartett? Es kam zwar von links, aber war dort nicht "festgeklemmt", sondern kam auch aus dem Raum,füllte so ca. 2/3 der Basis aus und klang ebenfalls sehr räumlich, ohne dass Transparenz, Durchsichtigkeit oder Deutlichkeit gelitten hätten.

Für mich ist nach diesen Erfahrungen der Decca-Tree definitiv mehr als nur eine Alternative.

Mal sehen, am nächsten Wochendende steht ein großorchestrales Konzert auf dem Programm: 85 Orchestermusiker mit Werken von Schostakowitsch und Korngold. Da werde ich den Decca Tree wieder einsetzen. Dann aber mit klassischen Outriggern und vielen Stützen.

Bin selber gespannt, wie es wird.

Gruß
Thomas


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