Seit der letzten Woche kommt es immer wieder zu kurzen Serverausfällen beim Provider. Diese sind häufig, dauern aber immer nur 3-4 Minuten.
Wenn es also mal nicht funktioniert, einfach ein paar Minuten warten und nochmal versuchen

Oratorienaufnahmen

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aseptisch
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Re: Oratorienaufnahmen

Beitragvon aseptisch » 19.12.2017, 13:47

alex, vielen Dank fürs Reinhören und im Besonderen den Hinweis auf Mehrräumigkeit durch die Chorstützen! Das kam gerade noch rechtzeitig, um es vor der Anspielprobe nochmal zu korrigieren und die Stützen etwas weiter weg zu nehmen. Allerdings frage ich mich: Lässt sich diese Mehrräumigkeit wirklich vermeiden, wenn man den Chor gut und packend hören will? Also nicht nur einen entfernten, sondern substantiellen Einsatz des Tenors bei Chorfugen? Beim Mikrofon rechts habe ich nicht viel machen können, der Alt wäre sonst einfach nicht hörbar gewesen. Nur ca. 30 cm haben wir (visiolino und ich) dort zugegeben. Aber direkt darunter stand die Pauke, die kriegt man auch mit einer Acht nicht weg. Beim Sopran hatte hingegen gut geklappt, die Nullebene auf die Oboen d'amore zeigen zu lassen. In der Mitte war noch eine Acht als Chorstütze, und dazwischen, halb links und halb rechts, jeweils eine Niere. Die Chorstützen haben das Orchester schon recht kräftig drin, das ist scheinbar nicht wirklich zu vermeiden.

Kurz vor Ende der Probe beim zweiten Konzert am Sonntag (WO Teil 1+4-6) entschlossen sich Pauke und Trompeten, ihren Platz zu tauschen. Das konnte ich noch umrüsten, aber ich wusste nicht, dass die 3 Trompeten auch ihre Reihenfolge invertiert hatten (wegen Umbesetzung), so dass bei WO Teil 1 das Mikro auf den dritten Trompeter zeigte. Ich bin dann vor Teil 4 aus dem Chor rübergekrochen und habe es gedreht. Auch stellte sich vor dem ersten Konzert kurzfristig heraus, dass die Oboen bei Arien aufstanden. Meine XY-Stütze hatte fürs Sitzen sehr gut geklungen. Ich habe sie dann höher gestellt, aber dann klingt's bei den Nicht-Solo-Teilen (sitzend) zu hell. Rückwirkend hätte ich dann gerne unten UND oben Stützen montiert, weil ich den Klang der Oboen so sehr mag. Auch stellte sich heraus, dass die Solo-Violinen 1+2 für die Arie „Ich will nur dir zu Ehren“ Richtung Mittelgang gingen, also von den Violinen-Stützen weg … Naja, dafür sind sie dann im HM mehr drin.

Ansonsten hat alles gut geklappt, und wir hatten mit Aufbauen und Abbauen wirklich „Aufwand satt“. 4 Tage lang, jedenfalls ich. Die Kirche wurde mein neues Zuhause, meist bis Mitternacht und morgens schon wieder da.

Das Publikum hat sich hustenmäßig ganz ungewöhnlich gut verhalten. Fast kein Laut. Unmittelbar vor dem Konzert habe ich im allgemeinen Gewusel noch eine kleine Ansprache an die Leute gehalten, die direkt neben der schulterhohen Solistenstütze rechts im Mittelgang saßen. Habe ihnen möglichst freundlich gesagt, dass sie an einem besonders verantwortungsvollen Platz säßen und doch einmal versuchen sollten, an lauten Stellen zu husten. Die meisten Leute seien bei lauten Stellen so gefesselt, dass sie nicht ans Husten dächten und nur husteten, wenn es leise ist. Ich habe auch noch erläutert, dass das Mikrofon nur gebraucht wird, wenn die Solisten auch wirklich singen, sonst könnten sie ruhig husten. (Sonst entsteht ein zu hoher psychologischer Druck, dachte ich.) Ich habe großzügig 4 Tüten Anifen- und Salbeibonbons verteilt, worüber sich die Leute wirklich sehr freuten, einfach so allgemein. Ich wünschte fröhlich ein schönes Konzert. Mir schien, dass das nicht so schlecht ankam, und es hat letztlich auch gut funktioniert. visiolino berichtete, eine Bekannte hätte gesagt, wenn sie da gesessen hätte und jemand sowas gesagt hätte, hätte sie das ganze Konzert lang nur an Husten gedacht und sicher auch husten müssen. Interessant. Ich würde so gerne mal eine ernsthafte wissenschaftliche Untersuchung zu dem Thema machen.

Beim Eintrudeln der Leute beim ersten Konzert rannte eine Frau gleich voll gegen mein Hauptstativ. Nicht zu fassen, dachte ich, und dann installierte ich tatsächlich — ich dachte, es ginge ohne — zwei der zu diesem Behufe angeschafften batteriebetriebenen Lichterketten. (Sonntag auch an der Solistenstütze.) Es ist niemand mehr dagegen gelaufen, aber auf der Kette am Boden haben die Leute nach dem Konzert munter herumgetrampelt. Das interessiert die einen Dreck. Ich habe mir vorgenommen, nächstes Mal ein offenes 240V-Kabel zu verlegen. Dann bildet sich bald ein natürlicher Schutzwall um das Mikro.
DSC04657_kl25.jpg


@alex: Das eine MP3 dienste übrigens als Audio-Spur für das YouTube-Video, das mitterweile wieder offline ist. Wenn es also tatsächlich Unterschiede gab, dann hat YouTube das beim Upload optimiert. ;-) Aber es ist nicht zu leugnen, dass Ton für Video unkritischer ist, weil man was zu gucken hat und den Ton in Bezug auf den Raum auch visuell „interpretieren“ kann. Nur Manfred ist da natürlich wieder immun. :roll:

Ich werde später mal mit ein paar Sound-Schnipseln berichten, aber im Moment darf ich nicht nicht der Versuchung erliegen, mich ans Mischen zu setzen, weil ich privat zuerst ein paar wichtige Dinge erledigen muss.

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Re: Oratorienaufnahmen

Beitragvon tillebolle » 19.12.2017, 13:56

alex hat geschrieben:Insgesamt am homogensten in meinen Ohren klingt übrigens das Youtube-Video 8-)

Genau das habe ich beim spontanen Reinhören auch gedacht, ich war nur nicht sicher, inwieweit das vielleicht eine "optische Täuschung" durch den zusätzlichen Bildeindruck war.

Unser WO-Wochenende ist ja nun auch gelaufen. Das Team von der Robert-Schumann-Hochschule hat dabei richtig aus dem vollen "geschoepst", mit 28 Kanälen incl. Raumatmo und Center-Mic für Surround, kompletten Gruppenstützen und zwei KEM als Chorstützen. Bin mal gespannt, was dabei herausgekommen ist, im Ü-Wagen klang es jedenfalls schon ganz ansprechend.

Leider hatten die Jungs am Sonntag richtig Stress, weil in der Kirche mehrfach die Hauptsicherung rausflog. Zum Glück bei der Anspielprobe und nicht im Konzert. Also musste der Ü-Wagen abgehängt werden und das Konzert wurde nur auf die Backup-Platten in den Bühnen-Racks aufgezeichnet. Hoffentlich ist da alles gut gegangen. :roll:

Viele Grüße
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Re: Oratorienaufnahmen

Beitragvon RainerG » 19.12.2017, 14:18

aseptisch hat geschrieben:.... Allerdings frage ich mich: Lässt sich diese Mehrräumigkeit wirklich vermeiden, wenn man den Chor gut und packend hören will? Also nicht nur einen entfernten, sondern substantiellen Einsatz des Tenors bei Chorfugen?... Die Chorstützen haben das Orchester schon recht kräftig drin, das ist scheinbar nicht wirklich zu vermeiden.


Diese Mehrräumigkeit läßt sich durch Zugabe von künstlichem Hall unterdrücken. Aber das erfordert natürlich einiges an Probieren. Ich verhalle bei solchen Aufnahmen grundsätzlich den Chor, weil ich oftmals die Chormikrofone ins Nahfeld stellen muß. Daß man das Orchester kräftig in den Chormikrofonen hat, ist oftmals ein Platzproblem, weil der Chor direkt hinter dem Orchester steht. Das sind aber Probleme die man bei Live-Aufnahmen im Kauf nehmen muß. Bei einer Produktion in Klausur hat man da wesentlich mehr Möglichkeiten die besagten Unzulänglichkeiten zu vermeiden.


aseptisch hat geschrieben:Ansonsten hat alles gut geklappt, und wir hatten mit Aufbauen und Abbauen wirklich „Aufwand satt“. 4 Tage lang, jedenfalls ich. Die Kirche wurde mein neues Zuhause, meist bis Mitternacht und morgens schon wieder da.
... wenn Ihr es geschafft habt, hat "es" Euch auch geschafft...!

aseptisch hat geschrieben: Ich würde so gerne mal eine ernsthafte wissenschaftliche Untersuchung zu dem Thema machen.
. Ich glaube da kann man schon fast eine Dissertation darüber schreiben...

aseptisch hat geschrieben:Beim Eintrudeln der Leute beim ersten Konzert rannte eine Frau gleich voll gegen mein Hauptstativ.
. Du kannst noch so viel stellen - Mauern und Stacheldraht der mit 1000 Volt beaufschlagt ist - das nutzt nichts, weil viele Leut eine "Hans-Guck-In-Die-Luft"- Mentalität haben und manchmal sogar über ihre eigenen Füße stolpern - man muß sich ja umgucken, ob der X oder Frau Y auch anwesend sind. Und wenn sie dann über etwas stolpern meinen sie noch sie seien im Recht und müßten uns über Sicherheitsregeln belehren... Solche Klugscheißer hatte ich auch schon bei Aufnahmen.

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Re: Oratorienaufnahmen

Beitragvon alex » 19.12.2017, 15:13

RainerG hat geschrieben:Diese Mehrräumigkeit läßt sich durch Zugabe von künstlichem Hall unterdrücken. Aber das erfordert natürlich einiges an Probieren.

So ist es. Schön wenn man bei Mehrspur viel Zeit hat zum Probieren. Wie ebs habe auch ich jahrzehntelang Live-Aufnahmen direkt auf Stereo abgemischt. Das ist eine ganz andere Hausnummer, was Vorbereitungszeit, Sorgfalt, Partiturkenntnis, Geschwindigkeit und Präzision beim Abmischen und nicht zuletzt Reaktionsfreudigkeit bei unvorhergesehenen Änderungen angeht, manch Kollege bezeichnet es gar als unumstrittene Königsdisziplin.

Hall bringt Chorstützen zuverlässig "hinter" das Orchester. Was er leider nicht kann, ist die veränderten Klangfarben menschlicher Stimmen im Nahfeld so zu kompensieren, dass es sich nicht nach „nah aufgestellt und verhallt“ anhört. Und was er überhaupt nicht kann ist das Wiedereinbinden herausstechender Einzelstimmen in einen homogenen Chorklang. Hier hilft nur ein vergrößerter Abstand des Stützmikrofons. Und ja, da machen 30 cm manchmal den entscheidenden Unterschied aus zwischen einer Stütze, die sich wie von selber einfügt, und einer, die man immer wieder herausblöken hört.

Hier ein paar Anmerkungen des seligen ebs zu besonderen Anforderungen bei „Live-Events“:

Das ist leichter gesagt als getan: Richtig und blitzschnell handeln. Sich nicht verzetteln. Gezielte Einstellungen im Pegel und im Klang mit den EQs machen. Nicht nur reindrehen! Das Geheimnis liegt mehr beim "Rausdrehen".

Ich habe das große Glück gehabt, Orchester live gleich fertig in Stereo mischen zu müssen, weil am Anfang keine Mehrspurmaschine zur Verfügung stand. Später wurde die 24-Spur nur im Notfall zur Nachmischung weniger kurzer Abschnitte benutzt. Das ist für den Gesamtklang förderlich.

Wer eine Aufnahme macht, die erst später abgemischt wird, geht oft aus Sicherheitserwägungen heraus mit den Mikrofonen viel dichter an die Schallquellen ran. Das ist einem guten Klang meistens nicht zuträglich.


aseptisch hat geschrieben: Ich würde so gerne mal eine ernsthafte wissenschaftliche Untersuchung zu dem Thema machen.

Deine höfliche Geste und Bitte fand ich eigentlich schon erfahrungswissenschaftlich genug. Denn eigentlich funktioniert diese Kombination fast immer. Und gerade hier macht sich Erfahrungswissen am meisten bezahlt, mit exakter Wissenschaft oder ohne 8-)

Die Reaktion der meisten Zuhörer gerät nach meiner Erfahrung direkt proportional zum eigenen Auftreten, "wie man in den Wald hineinruft..."

Wenn man den Menschen höflich und locker, aber zugleich klar in der Sache und überzeugt von der Richtigkeit und Angemessenheit des eigenen Anliegens gegenübertritt, seine Ansprechpartner einbindet und quasi die Gelegenheit gibt, zum Gelingen einer schönen Aufnahme einer noch schöneren Aufführung beizutragen, reagieren sie auch meist entsprechend: sie machen wirklich gern, um was man sie bittet. Fühlt man sich dagegen beispielsweise selber unter Druck und verhält sich darum verkrampft, unfreundlich, schlechtgelaunt, oder gar autoritär, wichtigtuerisch etc. pp., so erntet man meist Reaktionen, die exakt dazu passen. Wenigstens dieses habe ich in 40 Jahren Aufnahmepraxis gründlich studieren können 8-)

Eine meiner wirkungsvollsten Aktionen vor Jahren war, vor Eintreffen des Publikums auf sämtlichen Sitzplätzen im näheren Umkreis um das corpus delicti herum Mini-Schokoladentäfelchen mit einer kleinen Notiz daran zu verteilen. (Das Wort Husten habe ich dabei nicht erwähnt, um nicht den gegenteiligen Effekt aufgrund des "ich darf nicht..." zu provozieren). Noch beim Abbau nach dem Konzert haben sich Zuhörer bei mir für diese kleine Aufmerksamkeit bedankt. Und natürlich waren während der Aufführung alle im direkten Umfeld mucksmäuschenstill :opa:

aseptisch hat geschrieben:Beim Eintrudeln der Leute beim ersten Konzert rannte eine Frau gleich voll gegen mein Hauptstativ.

Von deinem Foto ausgehend hätte ich eine dringende Empfehlung, nämlich zumindest das kopflastige Hochstativ mit einem Gegengewicht zu sichern. Ich verwende dazu seit Jahrzehnten schlichte neutral-dunkel gefärbte Stofftaschen, darin eine Plastiktüte, in der eine genügende Portion (4…8 kg) Sand verpackt ist. Die kann man so an den Befestigungsschrauben des Dreibeins befestigen, dass das Gewicht möglichst mittig unter dem Standrohr und möglichst nah am Boden hängt. Stößt dann jemand dagegen, wird er vielleicht stolpern, aber nur sehr schwerlich das Stativ umreißen und mit der Traverse jemandem den Schädel löchern können.

Was zusätzlich helfen kann, ist die drei Beine jeweils mit schwarz-gelbem Warnklebeband zu umwickeln. Im juristischen Streitfall hättest du damit zumindest ein Argument mehr auf deiner Seite, was deine Sorgfaltspflicht angeht.

(Apropos: Chapeau für deine Idee mit der Lichterkette zum Weihnachtskonzert :idea: Obwohl eigentlich naheliegend, wäre ich wohl in tausend Jahren nicht darauf gekommen. Bin für dieses Metier vielleicht doch etwas zu sehr als Ingenieur erzogen worden :shock: )

Ausladende Stative an engen Durchgangsstellen bergen immer ein gewisses Konfliktpotential mit Rollstuhlfahrern, Gehwägelchenbenutzern u.ä. und sind aus Publikumsperspektive verständlicherweise lästig und unangenehm. Ich sehe natürlich, dass du dich in den "Windschatten" des Dirigentenpodests gestellt hast. Was zusätzlich gegen Unfälle und Missstimmung helfen kann, ist jemand, der vor und nach der Aufführung sich in der Nähe gefährdeter Stative aufhält, als Hinweisgeber und zur Assistenz bei irgendwelchen (Platz-)problemen. Gegen das Publikum zu arbeiten kann ich grundsätzlich nicht empfehlen: es gibt schlimmstenfalls richtigen Ärger, und die Chancen, dabei den Kürzeren zu ziehen, stehen nicht schlecht.

Bei der gezeigten Position der Solistenmikrofone (dritte Reihe innen) wäre vielleicht auch zu überlegen gewesen, mit einer Klein-AB-Anordnung etwas über Kopfhöhe (stehend) zu gehen und die Mikrofone nur wenig auszuwinkeln. Ob das optisch zu sehr gestört hätte, kann ich immer erst sagen, wenn ich selber in der Aufnahmesituation bin. Zur Not frage ich einfach bei den Solisten nach. Auch hier gilt: Bleibt man freundlich, klar und locker, stößt man meist auf eher wohlwollendes Entgegenkommen.

Grüße, alex
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Re: Oratorienaufnahmen

Beitragvon aseptisch » 19.12.2017, 22:53

Danke für die Mehrräumigkeits-Betrachtungen zu Chorstützen! Und auch die Erfahrungen im Umgang mit Publikum. Stimmt schon, „lieb sein“ funktioniert meistens am besten. Da kann ich gnadenlos sein! Immer lieb, egal, was man mir an den Kopf wirft. Nein, ehrlich, die Leute haben dann auch lieb geguckt. Ich hab' das ja auch gesagt, als ich schon den Chor-Anzug mit Fliege anhatte und die Noten unterm Arm. Den „Künstlern“, deretwegen man ja angereist ist (und der Veranstalter war ja der Chor, d.h. die ganze Kirche war voll mit Angehörigen und Fan-Club des Chores) würde man noch weniger eine Bitte abschlagen.

Mit dem Stativ hast Du natürlich Recht, Sandsäcke wären sicherheitsmäßig unbedingt nötig gewesen, zumal das ein ganz leichtes Manfrotto-Lichtstativ auf seiner Maximalhöhe von 3,60 m war. Es gab ja kaum Leute, die dort vorbei gewollt hätten, denn der Mittelgang mündete in die Stühle des Orchesters (= Sackgasse), wie sich nun herausstellte, war die allererste Stuhlreihe nicht verkauft, bis auf die eine Frau und ihren Mann, die dagegen lief, und die zweite Reihe hatte keine große platzmäßige Not, in die Bank zu kommen. Vor dem Konzert war visiolino auch noch beim Solistenstativ, weil selbst meine eigenen Chorleute so hemmungslos daran vorbei gingen, dass sich das Stativ wegdrehte. Hier im Forum war ja schon zuhauf zu lesen, mit welcher Ablehnung und Ignoranz Leute Mikrofonen begegnen können. Bei einsetzendem Schlussapplaus bewegte sich visiolino auch wieder aus der Aufnahme-Kapelle zum Mikrofon, um es zu sichern.

Tatsächlich war das Solistenmikrofon so ideal aufgestellt. Ich hatte mich in den Nächten in die Reihen gesetzt und ausprobiert, wie sehr mich das Stativ vor der Nase gestört hätte, und ich fand es oberhalb des Kopfes nicht gerade toll. Ich habe das aber von den akustischen Verhältnissen abhängig gemacht, und in der Probe zeigte sich dann, dass ich ausgefahren viel zuviel Orchester mit drauf hatte, auf der Höhe wie auf dem Foto aber nicht, und es klang dort auch gut. Jedenfalls sehr viel besser, als ich vorher im Angesicht aller möglichen zu machenden Kompromisse befürchtet hatte. Übrigens standen die Solisten, wenn mehrere, nicht nur nach rechts aufgereiht, sondern die Altistin bei mehreren Gelegenheiten auf der linken Seite des Mittelgangs. So passte das XY sehr gut. Das eine Mikro zeigte genau auf den typischerweise nur einen vorhandenen Singenden (geschlechtsneutral für Menschen, die wo was mit Gesang machen) und das andere zur anderen Seite rüber. So kann man das eine auch mono nehmen, ganz nach Geschmack.

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Re: Oratorienaufnahmen

Beitragvon alex » 19.12.2017, 23:57

aseptisch hat geschrieben:„lieb sein“ funktioniert meistens am besten. Da kann ich gnadenlos sein!

Nicht nur Humor entwaffnet, auch Freundlichkeit. Und wer Dale Carnegies Bücher, Dauerbrenner seit den 1940er Jahren, kennt (die im Grunde in dasselbe Horn stoßen wie Adolph Freiherr von Knigge rund 150 Jahre zuvor), versteht vermutlich ohne Probleme den Ausdruck „to carnegie someone to death“ :-P

Gerne habe ich nachvollzogen, wie viele Gedanken du dir über die Aufstellung der Solistenstütze gemacht hast, und vor allem wie systematisch du sie in der Praxis ausprobiert hast.

Genau das meinte ich mit „...wenn ich selber in der Aufnahmesituation bin“. Meist erst dann lässt sich zuverlässig prüfen, ob das, was man sich gedanklich so schön vorgestellt hat, wirklich funktionieren kann. ("Kriterium der Wahrheit ist die Praxis", das wusste schon der olle Lenin ...)

Deswegen kann ich auch die von dir festgestellte „Abschirmung“ gegen zuviel Orchesterklang dank niedriger Mikrofonposition sofort nachvollziehen, wie auch die gewählte XY-Anordnung wegen der Solistin links vom Dirigenten.

Wie Eberhard Sengpiel oft betont hat: Man kann machen was immer man für richtig hält, selbst wenn es gegen irgendwelche Grundregeln verstoßen sollte. Vorausgesetzt man weiß genau, was man tut.

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Re: Oratorienaufnahmen

Beitragvon aseptisch » 20.12.2017, 11:46

Hallo alex,

wo Du so nett auch nochmal darauf eingingst, will ich noch zwei Fotos posten. Ich war in der Nacht vor dem Generalprobentag so lange in der Kirche, weil ich alles mögliche ausprobiert habe. Zum Beispiel ist hier mein Foto, wie es aussähe, wenn man fast 3 Meter von der Seite kommen würde, um das Solistenmikro von oben vor die Sänger zu bekommen. Oder wenn man statt eines mittigen Hauptstativs ein "Tor" aus zwei Stativen bauen würde und am rechten ein Klemmstativ K&M 258 befestigen würde. Letzteres sieht noch schlimmer als ersteres aus, finde ich. Es schirmt den Raum der Musik vom Publikum wie ein Gitter ab. Naja, beides sieht irgendwie schlimm aus.

DSC04539_kl25.jpg

Oder hier der Versuch, das hohe Stativ durch ein Tor zu ersetzen. Mit zwei K&M 21021 mit 1 m Verlängerung und kurzem Schwenkarm, oder ohne Verlängerung und mit langem Schwenkarm. Abgesehen davon dass es nicht besser aussieht als das eine Hauptstativ (finde ich jedenfalls) hätte es die Strauspakete nicht zuverlässig tragen können. Hätte ich unendlich viel Zeit gehabt, hätte ich für den exakt 1,90 breiten Mittelgang eine 1,60m-Traverse mit Gewinden geschnitten und zwei der ganz großen Tellerstative 26145 (Sandsäcke drauf) mit jeweils 2 m Verlängerung als Tor aufgestellt. Ob das wirklich besser als das eine Stativ ist …

DSC04555_kl25.jpg

Und hier auch das Kreppband, das auf der Stagebox des Multicore unterhalb der XLR-Buchsen geklebt hatte. (Ein weiteres Multicore mit 8 Kanälen lag hinter dem Chor.)

DSC04730_kl125.jpg

Ohne diese Beschriftung kommt man beim Umdisponieren während der Probe nicht klar. Da ich zwischen den zwei Konzerten alles abbauen musste, habe ich es so gemacht: Jedes Mikro hatte einen kleinen Krepp-Aufkleber mit Kürzel (Fl, Kb, ...) auf der dem Publikum abgewandten Seite, da z. B. die Niere für Kb den Low-Cut zugeschaltet hatte. Schnelle, eindeutige Identifikation ist nötig. Die Mikros habe ich nach dem ersten Konzert ausgeclippt, gesammelt und sicher verschlossen. (In einem nicht zu kalten Raum wegen Kondensation am nächsten Tag.) Die Stative hatten auf dem Fuß auch alle einen Aufkleber mit demselben Kürzel (ggf. mehreren Kürzeln) und wurden beim Abbauen samt Mikroklemme in ihrer Form nicht verändert, nur z. B. die hohen Chorstative wurden eingefahren, die Winkel der Schwenkarme aber nicht verändert. Da das Mikrokabel immer oben am Mikro und am Gelenk sowie unten am Fuß stramm mit Klett angebunden war, war am nächsten Tag auch klar, wie weit man es jeweils ausfahren muss. Beim Abbauen wurde das Mikrokabel aus der Stagebox gezogen und als Rolle übers Stativ gehängt oder auf den Fuß gelegt, alle Stative in einen separaten Raum gebracht oder in der Kirche in eine freie Ecke gestellt. Unter jedes Stativ hatte ich mittig eine Klebemarkierung geklebt. Zum Glück war es dort Stein-Fußboden, auf dem das problemlos ging, und zum Glück hatte auch der Küster ohne Bedenken zugestimmt. Das störte beim Adventsgottesdienst sicher nicht. Die ganz großen seitlichen Stative durfte ich hinter den Pfeilern stehen lassen, so dass ich nur den verlängerten Arm in die Senkrechte zu schwenken brauchte, und er verschwand auch hinter dem Pfeiler. Ach ja, bei Stativen, die mehrere Mikros trugen (z. B. HM mit 2 Straus-Paketen, oder Solisten- oder Oboen-XY) waren die XLR-Stecker mit Aufkleber durchnummeriert, so dass eine unmittelbare Zuordnung zur Stagebox bestand. Anders hätte ich alles am Sonntag nicht alleine in 2 h wieder aufbauen können.

Ich weiß, ich erzähle den meisten nichts Neues, aber halt so als Vorschlag für Neulinge, die diesen Thread finden. Bestimmt habt Ihr auch noch andere Tips und Verbesserungen dazu.

LG
Lutz
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Re: Oratorienaufnahmen

Beitragvon RainerG » 20.12.2017, 13:44

Hallo Lutz,

Gewiß sind das für viele Tonleute keine Außergewöhnlichkeiten. Aber trotzdem macht man immer wieder neue Erfahrungen. Mein Startposting dieses Threads sollte auch nur EINE von vielen Möglichkeiten darstellen und als Anregung dienen. Denn: Jede Aufnahmesituation ist anders, selbst dann wenn sie am selben Ort statt findet. Sehr viele Oratorienaufnahmen habe ich wie schon erwähnt, in der Lauterbacher Stadtkirche gemacht. Und da hatte ich einmal eine Situation, wo ich im Orchester nur Stützen mit "Achtern" brauchen konnte, die ich dann von oben auf die einzelnen Instrumentengruppen ausgerichtet hatte weil sonst der Chor nicht aus den Orchesterstützen heraus zu halten war! Die Problematik bei Achten mit dem Trittschall habe ich ja schon früher erwähnt.
Was jetzt Dein Bild 2 betrifft: Selbst wenn diese Anordnung optimale Ergebnisse liefert kann man das nur bei einer Produktion in Klausur machen, denn: Bei allen Überlegungen sollte man stets auch die Sicherheitsvorschriften zur Unfallverhütung und die Brandschutzvorschriften beachten! Das bedeutet konkret, daß Fluchtwege frei bleiben müssen. Kabel müssen ggf. abgeklebt werden. Manchmal behelfe ich mir da auch, wenn irgendwelche Läufer vorhanden sind indem ich die Kabel "unter den Teppich kehre". Für Neulinge ebenfalls wichtig (mußte ich unsere Studenten immer wieder drauf hinweisen): Die Mikrofonständer so stellen, daß von dem 3-Bein das eine Bein in der Richtung des Auslegers zu stellen ist, wegen der Standsicherheit.

Noch etwas zum Thema "immer lieb sein":
Ab und zu muß man auch mal böse werden! Und zwar dann wenn:

Musiker eigenmächtig die Mikrofone umstellen weil sie meinen, daß sie zu nah oder zu entfernt stehen, die Richtcharakteristikumschalter eigenmächtig verstellen, Jacken über die Mikrofone hängen weil sie der Ansicht sind, das wird doch nicht benötigt, Mikrofone mit radialer Einsprechrichtung (z.B. U87, U89, KM 86 u.v.a.) einfach eigenmächtig so ausrichten daß die Spitze des Korbs zum Instrument hin zeigt (weil sie sich eine seitliche Einsprache nicht vorstellen können).
Das habe ich alles schon erlebt! Aber.... wie DEREN Reaktion ist, wenn man sich nur ihrem (Heiligtum) Instrument nähert...
Was mir auch fürchterlich auf den Senkel geht, wenn - besonders bei so Gesangvereinen aus Hintertupfing - manche meinen sie müßten einem zeigen wo die Mikrofone stehen müssen... Da kommen dann die abstrusesten Plätze heraus...:
Wenn der Chor im Altarraum einer Kirche steht, meinen da so manche die Mikrofon müßten dann ganz hinten auf der Empore stehen...! Auch das habe ich schon erlebt!

Wenn Du den Job mal 20 Jahre oder länger gemacht hast, kannst Du bestimmt ein Buch darüber schreiben.. :-)

Grüße
RainerG
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Re: Oratorienaufnahmen

Beitragvon aseptisch » 20.12.2017, 16:05

Ach ja, ich habe auch meistens diese sog. Schmutzfangmatten dabei, klein und groß. Also Fußabtreter, die schweren schwarzen Gummimatten mit kurzflorigem Teppich drauf. In Grau passen sie meist gut ins Umfeld. Die kann man prima darüber werfen, wenn man den Mittelgang mit Kabeln queren muss. Man muss sie natürlich mit Teppich nach außen aufrollen und lagern, sonst sind sie kontraproduktiv. ;-)

In meiner Situation hätte ich es trotzdem mit Liebsein und Verständnis bzw. Mitleid versucht und den Musikern gesagt, dass der Mitschnitt nur für den Chor ist und ich mich doch so freue, dass ich erstmals mein Equipment richtig einsetzen darf. Aber wie schon geschrieben: Eher haben sie mir geholfen und waren allesamt nett. Der Trompeter kam zu mir in die Seitenkapelle um mir zu sagen, dass die Trp mit Timp getauscht hätten. Vielleicht waren das alles Leute im Bereich historischer Aufführungspraxis, denen es um gute Musik ohne Star-Allüren ging. Ich hatte das Gefühl, die wollten einfach gute Musik machen, und haben sich auch gerne mit einem unterhalten. Da hatte ich Glück.

Psychologisch ist es natürlich auch vorteilhaft, die Musiker einzubinden. „Wie stützt man denn ein Fagott“ vermittelt dem Fagottisten doch unterschwellig gleich seine Über- und meine Unterlegenheit, und nur wenige Menschen würden das dann nicht ausspielen, dass sie besser wissen, wie das geht, und stattdessen die Klappe halten. Er hat mir das am Instrument gleich gezeigt, wo der Schall denn so hingeht. (Das muss man natürlich auch mit Vorsicht genießen, aber ich denke mal, die waren alle schon bei etlichen Profi-Aufnahmen dabei, also bei Euch!) Ich wurde übrigens auch so psychologisch erzogen: Wir Kinder durfen zum Beispiel nie die Haut vom Pudding kriegen. Die war nur für Erwachsene. Außer mal in Ausnahmen! Als wir 3 Brüder so alt waren, dass meine Eltern uns alleine ließen, wenn sie zur Chorprobe gingen, haben wir Pudding in flachen Kuchenblechen gemacht, um ganz viel Haut zu haben! :-)

Wenn man als Ton-Profi für Geld engagiert ist oder von der Leitung offiziell beauftragt ist und einzelne Musiker sichtbar aus Böswilligkeit oder Ignoranz an den Mikros drehen usw., dann muss man sicher auch mal ein ernstes Wort absetzen.

Das Thema mit den lokalen Laien, die sich mit dem Aufstellungsort so gut auskennen: Ja, das gibt's in jener Kirche auch. Im dortigen Chor singt ein Ehepaar (ganz nette Leute), die ihren Chor regelmäßig aufnehmen. Dazu wird das eine Mikrofon auf der Kanzel aufgestellt, das andere genau gegenüber am Pfeiler, ebenfalls in 4,50 m Höhe. Da hat man extra eine Halterung angebracht. Das ist dann ein Nieren-AB mit 8,50 m Basis, sicherlich mit negativem Achsenwinkel. (Schade, ebs' Berechnungstool lässt nur 2 m Basis als Maximum zu, und auch keinen negativen Achsenwinkel …) Bei jeder Gelegenheit wird von Küster, Organist usw. auch darauf verwiesen, dass man im Chor ja zwei Leute habe, die sich da sehr gut auskennen. Na gut. Es liegt mir fern, die Leute da bekehren zu wollen. Ich muss mit denen ja nichts machen.

Gruß
Lutz

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Re: Oratorienaufnahmen

Beitragvon aseptisch » 20.12.2017, 17:51

Eine weitere Frage kommt bei mir auf: Verhalle ich am besten den Chor als Ganzes, also den Mix aus den 5 Stützen, oder jede Stütze einzeln? Ich habe gestern ein bisschen in der Aufnahme herumgehört und fand, dass die 5 Stützen alle recht ähnlich in ihrer Art klangen, also Homogenität, Nähe-Eindruck und so, nachdem ich ein bisschen mit EQ zwischen den Nieren und Achten ausgeglichen hatte. (Besonders bei der CK 94)

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Re: Oratorienaufnahmen

Beitragvon alex » 20.12.2017, 20:50

aseptisch hat geschrieben:Verhalle ich am besten den Chor als Ganzes, also den Mix aus den 5 Stützen, oder jede Stütze einzeln?

Nur kurz für den Moment, wenig Zeit gerade ...
Nach deiner Beschreibung würde ich vermutlich zunächst die Stützen als Ensemble verhallen und hören, ob mir das so schon zusagt: "Keep it straight and simple".
Oft braucht es auch gar nicht so viel Hallanteil, um den gewünschten Effekt zu bekommen.
Kompliziert kann ich immer noch machen, wenn einfach nicht funktionieren will.

Grüße, alex
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Re: Oratorienaufnahmen

Beitragvon manjak » 20.12.2017, 21:08

aseptisch hat geschrieben:Das Publikum hat sich hustenmäßig ganz ungewöhnlich gut verhalten. Fast kein Laut. Unmittelbar vor dem Konzert habe ich im allgemeinen Gewusel noch eine kleine Ansprache an die Leute gehalten, die direkt neben der schulterhohen Solistenstütze rechts im Mittelgang saßen. Habe ihnen möglichst freundlich gesagt, dass sie an einem besonders verantwortungsvollen Platz säßen und doch einmal versuchen sollten, an lauten Stellen zu husten. Die meisten Leute seien bei lauten Stellen so gefesselt, dass sie nicht ans Husten dächten und nur husteten, wenn es leise ist. Ich habe auch noch erläutert, dass das Mikrofon nur gebraucht wird, wenn die Solisten auch wirklich singen, sonst könnten sie ruhig husten. (Sonst entsteht ein zu hoher psychologischer Druck, dachte ich.) Ich habe großzügig 4 Tüten Anifen- und Salbeibonbons verteilt, worüber sich die Leute wirklich sehr freuten, einfach so allgemein. Ich wünschte fröhlich ein schönes Konzert. Mir schien, dass das nicht so schlecht ankam, und es hat letztlich auch gut funktioniert. visiolino berichtete, eine Bekannte hätte gesagt, wenn sie da gesessen hätte und jemand sowas gesagt hätte, hätte sie das ganze Konzert lang nur an Husten gedacht und sicher auch husten müssen. Interessant. Ich würde so gerne mal eine ernsthafte wissenschaftliche Untersuchung zu dem Thema machen.


Dazu sind die Ausführungen von Schulz von Thun und seinem "Vier-Ohren-Modell" sehr interessant. Grundsätzlich können damit Aussagen die wir tätigen immer in vier verschiedenen Weisen wahrgenommen werden:

1. •eine Sachinformation (worüber ich informiere)
2. •eine Selbstkundgabe (was ich von mir zu erkennen gebe)
3. •einen Beziehungshinweis (was ich von dir halte und wie ich zu dir stehe)
4. •einen Appell (was ich bei dir erreichen möchte)


Und in Abhängigkeit davon wie diese Information aufgenommen wird, wird dann das Verhalten oder die Antwort ausfallen.

Weitere Informationen dazu gibt es hier:

https://www.schulz-von-thun.de/die-mode ... onsquadrat





Spannend wird das Ganze dann, wenn man hier noch die Transaktionsanalyse von Eric berne hinzuzieht. Danach gibt es drei Kommunikationsebenen:

Eltern ich
Erwachsenen ich und
Kind ich.

Wenn nun diese Botschaft als Aussage des kritischen Elternichs wahrgenommen wird und hat man das rebellische Kind vor sich, könnte dort folgender Gedanke Platz greifen: "Das ist ja eine Unverschämtheit mir hier vorschreiben zu wollen wann ich zu husten habe. Dem werde ich jetzt mal so richtig einen husten".
Du hattest offenbar den richtigen Ton getroffen und die Leute haben das auf dem richtigen Ohr gehört.

https://www.soft-skills.com/transaktion ... -erklaert/


aseptisch hat geschrieben:@alex: Das eine MP3 dienste übrigens als Audio-Spur für das YouTube-Video, das mitterweile wieder offline ist. Wenn es also tatsächlich Unterschiede gab, dann hat YouTube das beim Upload optimiert. ;-) Aber es ist nicht zu leugnen, dass Ton für Video unkritischer ist, weil man was zu gucken hat und den Ton in Bezug auf den Raum auch visuell „interpretieren“ kann. Nur Manfred ist da natürlich wieder immun. :roll:



Ja, da bin ich ziemlich ignorant. Es ist aber für mich immer sehr spannend zu beobachten, welche Veränderung bei der Wahrnehmung so ein Video ausübt. Ich hatte hier schon mal davon berichtet, dass es eine Studie gibt, die belegt, dass bei Musikwettbewerben die Beurteilung in einem sehr hohen Maß durch die optischen Eindrücke bestimmt wird.

VG Manfred
Zuletzt geändert von manjak am 21.12.2017, 07:14, insgesamt 1-mal geändert.
Viele Grüße
Manfred

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Re: Oratorienaufnahmen

Beitragvon alex » 20.12.2017, 21:15

Ach noch was ....

aseptisch hat geschrieben:Psychologisch ist es natürlich auch vorteilhaft, die Musiker einzubinden. „Wie stützt man denn ein Fagott“ vermittelt dem Fagottisten doch unterschwellig gleich seine Über- und meine Unterlegenheit,

Vielleicht ist es auch nur fair seinen Mitmenschen gegenüber, wenn man nicht vorgibt, als wüsste man schon alles (und wer könnte das schon von sich sagen?).
Wer würde jemandem, der seine Bescheidenheit und Lernbereitschaft auf diese Weise offenbart, eine mögliche Unterstützung ernsthaft verwehren wollen? Beide Seiten könnten schließlich davon profitieren, und das Ergebnis hoffentlich obendrein.
Also: Warum solche Gelegenheiten nicht nutzen, sobald jemand eine Kompetenz erkennen lässt, die für mein Lernen und das Ergebnis vielleicht nützlich sein? Das würde ich als partnerschaftlichen Umgang auf Augenhöhe bezeichnen, für meine Arbeitsweise ein erstrebenswerter Zustand.

aseptisch hat geschrieben:Wenn man als Ton-Profi für Geld engagiert ist oder von der Leitung offiziell beauftragt ist und einzelne Musiker sichtbar aus Böswilligkeit oder Ignoranz an den Mikros drehen usw., dann muss man sicher auch mal ein ernstes Wort absetzen.

Kann durchaus mal passieren, und früher bin ich auch öfter so unterwegs gewesen. Mittlerweile nehme ich das fast durchweg mit unverwüstlichem Humor und mache damit sogar evtl. maliziösen Kollegen unmissverständlich klar, dass sie mich weder mit solchem Kinderkram noch mit Achtlosigkeit aus der Fassung bringen können, sondern im Grunde nur sich selber ein schlechtes Zeugnis ausstellen, sollten sie versuchen, die notwendige Arbeit anderer zu sabotieren. Verbalaikido sage ich gelegentlich dazu, andere würden es vielleicht „mal kurz die Instrumente zeigen“ nennen – egal, es funktioniert eigentlich immer.

aseptisch hat geschrieben:Es liegt mir fern, die Leute da bekehren zu wollen. Ich muss mit denen ja nichts machen.

Eben. Jeder zieht sein Empfinden von Wichtigkeit auf andere Weise, und wenn es mit purem Dilettantismus geschieht, so what? Mir muss ja nicht gefallen, was dabei herauskommt, und es geht auch nicht darum, wer’s besser kann. Wer möchte schon gerne ungefragt über eine Tätigkeit belehrt werden, die ihm Freude und Erfüllung bringt?

Grüße, Peter
"Modern technologies allow new ways of enhancing old mistakes."

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Re: Oratorienaufnahmen

Beitragvon tillebolle » 21.12.2017, 09:49

alex hat geschrieben:Vielleicht ist es auch nur fair seinen Mitmenschen gegenüber, wenn man nicht vorgibt, als wüsste man schon alles (und wer könnte das schon von sich sagen?).
Wer würde jemandem, der seine Bescheidenheit und Lernbereitschaft auf diese Weise offenbart, eine mögliche Unterstützung ernsthaft verwehren wollen? Beide Seiten könnten schließlich davon profitieren, und das Ergebnis hoffentlich obendrein.


“The problem with the world is that the intelligent people are full of doubts, while the stupid ones are full of confidence.”

― Charles Bukowski
SchöneTöne - Phonographie
http://www.schönetöne.com

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Re: Oratorienaufnahmen

Beitragvon alex » 22.12.2017, 14:03

tillebolle hat geschrieben:“The problem with the world is that the intelligent people are full of doubts, while the stupid ones are full of confidence.”

Wenn ich Bukowski heutztage zitiere, bekomme ich regelmäßig Reaktionen in Richtung "politically incorrect person". Jede Zeit hat ihre (Anti-)Helden ...

Seine Erkenntnis in Langfassung gib't u.a. hier:
Why incompetent people think they're amazing - Dunning Kruger effect

Grüße, alex
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