Seit gestern gab es einige Probleme bei der Anmeldung. Es erschienen etwas kryptische Fehlermeldungen.
Jetzt funktioniert wieder Alles.
Der Grund war: Der Provider hat heimlich still und leise die PHP Version von Version 5.6 auf 7.2 geändert.
Wir haben dies temporär wieder rückgangig gemacht.
Allerdings werde ich in den nächsten Tagen noch mal einen Update der Forensoftware
machen und ich hoffe dass alles problemlos läuft.
Hin und wieder kann es während dem Upgrade Prozess zu einer Nichterreichbarkeit
bzw. Fehlermeldungen kommen.

Gitarrenquartett Telemann

Tipps, Tricks und "Kochrezepte" für den guten Ton

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RV
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Gitarrenquartett Telemann

Beitragvon RV » 08.09.2008, 19:16

Hallo liebes Forum,

nach einiger Zeit des begeisterten Mitlesens in diesem Forum, möchte ich nun auch eine Frage loswerden.

Es geht um die Aufnahme eines klassischen Gitarrenquartetts, und zwar von 4 polyphonen Sätzen von Telemann. Das Ensemble ist auf musikalisch hohen Niveau.

Die Aufnahme soll im Tonstudio meiner Schule erfolgen, das ich mit eingerichtet habe. Der Aufnahmeraum ist mittelgroß und nicht schalltot, sondern hat einen guten Eigenklang, wenn man auch um den Einsatz leichten Kunsthalls später nicht unbedingt drumrum kommen wird. Der Leiter des Quartetts, möchte gerne jede Gitarre einzelnt aufnehmen, sodass die Spieler während der Aufnahme eine zuvor aufgenommene Spur über den Kopfhörer hören. In diesem Falle hätte ich ein U87 als Niere unmittelbar vor der Gitarre positioniert und zusätzlich mit einem AB-Laufzeitstereofonie-System (Zwei KM 184) mit einer Basisbreite von ca. 70 cm als Raummikrofon gearbeitet. Ich persönlich halte es allerdings sowohl technisch als auch musikalisch für sinnvoller, alle vier Gitarristen gleichzeitig aufzunehmen, denn eine klassische Aufnahme benötigt doch Raum. Für diesen Fall würde ich mit XY-Intensitätsstereofonie, bei einem Achsenwinkel von ca. 115°, arbeiten, um eine gute Lokalisationsschärfe der Aufnahme zu erreichen. Der Leiter des Quartetts hält mir dabei vor, dass es mehr Fehlerquellen gibt, da die polyphone Literatur mit allen Gitarristen gleichzeitig schwieriger aufzunehmen sei. Zudem sei es leichter zu schneiden. Ich sehe es eher andersrum. Eine musikalisch gute Ausführung ist natürlich die Vorraussetzung für eine gelungene Aufnahme. Und die Musik sollte eigentlich davon profitieren, wenn alle Gitarristen miteinander agieren können während der Aufnahme.
Prinzipiell wäre ein Hauptmikrofon mit vier Stützen optimal denke ich, doch es stehen nur zwei Neumann KM 184, ein Neumann U87, ein Neumann TLM 49 und zwei Beyerdynamic MCE 530 (Kleinmebrankondensator, Niere) zur Verfügung.

Zu welchem Verfahren würdet ihr mir raten? Habt ihr vielleicht noch andere Kombinationen, die ihr empfehlen würdet, bzw. waren meine Vorüberlegungen schlüssig. Ich habe vor allem Bedenken, am Ende drei Spuren pro Gitarre zu mischen, da dort natürlicher Klang verloren gehen könnte. Da sich der Leiter auch nach einer kleinen Diskussion nicht von seinem Konzept abbringen lassen wollte, möchte ich eben jetzt Fachmeinungen einholen.

Vielen Dank schonmal im Vorraus!

Gruß, RV

P.S.
Vielleicht könnte mich ein Moderator bitte für das Hauptforum freischalten.

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Beitragvon Tonzauber » 08.09.2008, 20:02

Hallo RV!

Herzlich willkommen im Forum!

Ich bin eigentlich Deiner Meinung (als "Klassiker" auch nicht verwunderlich ;) ) dass man am besten das Quartett auf einmal aufnimmt - schließlich beeinflussen sich die Musiker doch sehr stark gegenseitig in ihrer Interpretation.

Ich würde sogar so weit gehen, dass man nach Möglichkeit in keinem trockenen Raum aufnimmt - denn die Raumakustik, besonders die Intensität, Klangfarbe und Länge des Nachhalls bestimmen deutlich die Agogik der Musiker. Das ist auch einer der Hauptgründe wieso in trockenen Studios gemachte Klassik-Aufnahmen in den seltensten Fällen tatsächlich überzeugend klingen. Aber zur Not, wenn kein anderer Aufnahmeraum zur Verfügung steht, kann man versuchen an die Vorstellungsgabe der Musiker zu appellieren.

Wenn Du den Quartettleiter von einer gleichzeitigen Aufnahme überzeugen könntest würde ich Dir trotz des XY-Hauptsystems dazu raten, jedem Instrument ein zusätzliches Stützmikrofon zu verpassen, einfach damit Du die Balance besser beeinflussen kannst.

Liebe Grüße

Georg
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Beitragvon RV » 08.09.2008, 20:22

Hallo Georg,

danke schonmal für deine Meinung. Es würden sogar durchaus besser klingende Räume zur Verfügung stehen, allerdings soll es die erste offizielle Aufnahme im neu eingerichteten Tonstudio meiner Schule werden. Abgesehen davon steht zur Zeit noch kein mobiles Aufnahmesystem zur Verfügung. Ein Alesis HD24 wird aber noch angeschafft werden.

Ich werde versuchen, das gleichzeitige Spiel der Musiker durchzusetzen. Ich vermute auch, dass eine zeitversetzt stattfindene Aufnahme von klassischer Musik, die zudem noch in einem nicht optimalen Raum stattfindet, viel zu steril klingen wird. Vor allem, wenn dann in der Nachbearbeitung jedes Instrument einzelnt geschnitten wird.

Als Hauptmikrofon würde ich ja dann die KM 184 Neumänner einsetzen. Blieben als Strützen noch das U87, TLM 49 und die Beyerdynamics. Die Letzteren haben einen schlechteren Rauschabstand und sind qualitativ natürlich nicht mit den Neumann-Mikrofonen zu vergleichen. Nach welchen Kriterien sollte ich bei der Verteilung der Mikrofone entscheiden? Das TLM 49 hat m.E. wegen des für Sprache optimierten Frequenzgangs eine etwas besser Präsenz als das U87. Die Beyerdynamics haben beide eine sehr betonte Höhenwiedergabe. Ich würde also einem Gitarristen, der sowieso schon einen sehr ausgewogenen Klang bietet, das U87 zuteilen und versuchen, die anderen Gitarren durch die Charakteristiken der anderen Mikros etwas aufzuwerten. (Bei den Beyerdynamic vielleicht eher abwerten, aber das ist dann eine andere Sache Wink)

Hälst du meine Wahl der XY-Stereofonie für schlüssig? Ich denke gerade bei barocker Literatur kann ich damit ein geeignetes Klangbild erreichen.

Viele Grüße,

Fabian

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Beitragvon juppy » 08.09.2008, 21:51

Das U87 ist alles andere als ein neutrales Mikrofon - auch wenn es (immer noch) häufig bei Klassikaufnahmen zu sehen ist. Weiterhin solltest Du bedenken, daß die als Stütze in Erwägung gezogenen Neumänner allesamt recht klobige Brocken sind, die einen Gitarristen in seiner Bewegungsfreiheit einengen können - ein kleines Mikrofon ist da durchaus ein großes Feature.

Meiner Erfahrung nach wäre ein echter Druckempfänger (also Kugelcharakteristik, die nicht aus zwei Nierenkapseln zusammengesetzt wird) als Stützmikrofon wesentlich besser geeignet. Man kann näher ans Instrument heran gehen, ohne daß der Eindruck von zu starker Direktheit oder eine Überhöhung des Basses durch den geringen Abstand entsteht.

Ansonsten schließe ich mich den Ausführungen von "Tonzauber" an:

Eine Gitarre sollte in einem akustisch geeigneten Raum aufgenomnmen werden und ein Quartett als Ganzes. Wenn die Jungs meinen, dabei entständen zu viele Artefakte, dann müssen sie halt noch ein wenig üben. Oder sich damit abfinden, daß bei Gitarre leicht mehr Spielgeräusche als gewollt entstehen.

Es ist eine Unsitte, Ungenauigkeiten vom Techniker im Schnitt korrigieren lassen zu wollen.

Und laß Dir bei der Aufnahme mehr als nur genügend Takes einspielen. Ansonsten kann es passieren, daß Du beim Schnitt graue Haare kriegst, weil die einzelnen Takes klanglich nicht zusammenpassen wollen ...

RV hat geschrieben:Es würden sogar durchaus besser klingende Räume
zur Verfügung stehen, allerdings soll es die erste offizielle
Aufnahme im neu eingerichteten Tonstudio meiner Schule
werden.


Welch ein Kriterium zur Wahl des Aufnahmeraumes - verständnisloses Kopfschütteln! :roll:
(So etwas nennt man auch "Profilneurose")

RV hat geschrieben:MCE530
...
Bei den Beyerdynamic vielleicht eher abwerten,
aber das ist dann eine andere Sache.

Diese Mikrofone hat auch noch nie jemand empfohlen.

Hätest Du etwas mehr investiert und zu einem MC930 Stereoset gegriffen, hättest Du ein hervorragendes Mikrofonpärchen erhalten, das auch - aber nicht nur - für Gitarre geeignet ist. Und mit meiner hohen Meinung über das MC930 stehe ich hier nicht alleine da ...

Es ist schade, daß Beyerdynamic mit Mikrofonen wie dem MCE530 seinen schlechten Ruf zementiert. So bleiben deren gute Mikrofone wohl weiterhin ein Geheimtipp. ;-)

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Beitragvon RV » 08.09.2008, 22:19

Hallo juppy,

auch Dir vielen Dank für deine ausführliche Antwort!
Ich stimme dir in deinen Kritikpunkten absolut zu. Eigentlich sucht man für das Ensemble den passenden Raum. Hier hat man geguckt, ob man nicht irgendwen dort aufnehmen kann. Ein denkbar schlechter Ansatz, aber daran kann ich nichts ändern :wink: Andererseits ist es für mich klasse, dass ich in den Genuss kommen kann, mit hochwertigen Mikrofonen wie den Neumännern arbeiten zu dürfen. Da nehme ich dann den Stress wegen der Profilneurose gerne in Kauf.

Hätest Du etwas mehr investiert und zu einem MC930 Stereoset gegriffen, hättest Du ein hervorragendes Mikrofonpärchen erhalten, das auch - aber nicht nur - für Gitarre geeignet ist. Und mit meiner hohen Meinung über das MC930 stehe ich hier nicht alleine da ...

Es ist schade, daß Beyerdynamic mit Mikrofonen wie dem MCE530 seinen schlechten Ruf zementiert. So bleiben deren gute Mikrofone wohl weiterhin ein Geheimtipp. Wink


Ja, ich bin auch eher enttäuscht von den klanglichen Eigenschaften der Mikrofone. Als ich sie mir damals als absoluter Einsteiger zugelegt habe, haben sie jedoch gute Dienste geleistet. Vor allem als Unerfahrender ist es noch schwer solche Geheimtipps zu erwischen.

Danke für Eure Tipps und Anmerkungen! Für weitere Anregungen bin ich natürlich sehr dankbar. Freut mich, dass meine Einstandsfrage im Forum direkt so kompetent von Euch beantwortet wird.

Gruß,
Fabian

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Beitragvon juppy » 09.09.2008, 10:18

hallo Fabian!

RV hat geschrieben:Andererseits ist es für mich klasse, dass ich in den Genuss kommen kann, mit hochwertigen Mikrofonen wie den Neumännern arbeiten zu dürfen. Da nehme ich dann den Stress wegen der Profilneurose gerne in Kauf.


Nur:

Was nutzt es, wenn man die Aufnahme gemacht hat und weiß, das Ergebnis hätte besser sein können?

Wer wirklich Ansprüche an seine Aufnahme stellt, probiert mitunter sogar verschiedene Räume aus, um sich dann für den "Besten" zu entscheiden - auch wenn dies aus Budgetgründen immer noch ein Kompromiß sein kann. Doch nichts ist schlimmer, als "irgendeinen Raum" zu nehmen ...

Gruß - Juppy

PS: Es gibt immer wieder Sitautionen, in denen man sich freut, wenn man noch preiswertere Mikrofone in Reserve hat. Nicht überall und immer muß das Beste stehen - schon gar nicht vor denen, die meinen, zum Test in ein Mikrofon pusten zu müssen.

(Diese Unart findet man sogar bei alten Hasen wie Gretje Kauffeld.
Ergo: Vor Sänger, die man nicht schon kennt, immer ein robustes SM58 setzen!)

Und machmal gebraucht man sowas auch als Kommandomikrofon ...

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Beitragvon fw » 09.09.2008, 15:26

Hallo RV,

wenn der Raum schon nicht zu ändern ist, dann leih dir wenigstens gescheite Mikros, das ist relativ günstig.

Gruß

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Stützmikros und Raumfrage

Beitragvon RV » 09.09.2008, 19:06

Hallo,

was ich gestern noch vergessen hatte ist, dass mir noch alte Sennheiser MD 421 zur Verfügung stehen. Eines davon verwende ich übrigens auch für die Talkback Funktion. Das löst zwar nicht das Problem, dass Druckempfänger besser als Stützmikrofone geeignet wären, aber das lässt sich meines Erachtens so nicht lösen, da ich irgendwie mit dem Equipment klar kommen soll.

Das Problem ist eben, dass es sich hier um eine (Musik)-Schulaufnahme handelt. Wenn ich jetzt zum Leiter des Quartetts, der übrigens auch Lehrer an der Musikschule und Initiator des Tonstudios ist, gehe und Druckempfänger leihen möchte, dann wird mir vorgehalten werden, dass das einfache Overdub verfahren doch viel mehr Vorteile hat, und er schließlich nicht 4 U87s hat, um jede Gitarre zu stützen.
Ich gebe zu es ist wenig Spielraum für persönlichen Anspruch.

Mit diesen internen Problemen (die vermutlich gar nichts dagegen sind, womit man im Beruf des Toningenieurs konfrontiert wird) muss ich aber alleine klar kommen, sodass eure Tipps aber generell absolut nachvollziehbar sind.

Ich hoffe ich hinterlasse bei Euch durch diese Begebenheiten nicht den schlechten Eindruck, ich würde mir um meine Aufnahme keine Gedanken machen. Ich versuche das Beste aus den Rahmenbedingungen rauszuholen. Als Amateur auf dem Gebiet der Tontechnik sind mir aber Meinungen und Erfahrungen von Professionellen sehr wichtig und ich werde versuchen mir meine eigene Meinung zu schaffen. Das geht aber im Moment nur durch Ausprobieren, Lesen und Hören. Daher versuche ich an kleinen "Aufgaben" wie dieser immer möglichst viel zu lernen und vielleicht sogar daran zu wachsen. Auf jeden Fall bin ich sehr "wissbegierig" und versuche alles an Informationen aufzunehmen, die mit dem Thema zu tun haben.

Viele Grüße, Fabian

PS Ich mache dieses Jahr mein Abitur und arbeite auf die Aufnahmeprüfung an der Robert-Schuhmann-Hochschule Düsseldorf hin, um dort das Studium der Ton- und Bildtechnik (bzw. jetzt der entsprechende Bachelor-Studiengang) zu belegen.

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Beitragvon hafi69 » 10.09.2008, 01:20

Wenn Du die schlechteren Mikros (dazu zähle ich auch mal das U87) nur als Stützen verwendest, sehe ich eigentlich keine großen Probleme, weder beim Rauschabstand der kleinen Beyer noch bei den nicht linearen Frequenzverläufen, davon ausgehend dass Stützen eben nur "Stützen". Wichtig bei den "nicht-Druckempfängern" ist es, einen gewissen Abstand (vielleicht 40-50cm) einzuhalten, um eine Bassüberbetonung zu vermeiden, außerdem klingt es so viel natürlicher.

Wenn Du die Möglichkeit hast Multitrack aufzunehmen, kannst Du die Stützen in Ruhe beliebig EQen und in den Mix einpassen. Dies schon bei der Aufnahme zu machen Bedarf allerdings einer guten Portion Erfahrung und Entschlossenheit...

Jedenfalls lässt sich auch mit dieser Ausstattung eine ordentliche Aufnahme machen, das Problem sind wohl weniger die Mikros sondern evt. der Raum und ganz sicher das Spiel... Warum also hier professionelle Ansprüche stellen??

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Beitragvon hafi69 » 10.09.2008, 01:28

Das Ensemble ist auf musikalisch hohen Niveau.


Sorry, hatte ich übersehen. Immer nur "Musikschule" im Kopf gehabt.
:wink:
In diesem Falle sollte eine Komplett-Aufnahme in einem guten Raum wohl der beste Weg sein...
Soll es trotzdem in diesem eher trockenem Raum stattfinden, würde ich auf das Hauptmikrofon verzichten und von vornherein Kunsthall in Erwägung ziehen.
Zwei weitere KM184 o.ä. lassen sich sicher günstig ausleihen.

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Beitragvon juppy » 10.09.2008, 08:12

Schnellschuß aus dem Bauch heraus: Nimm lieber MCE530 als das M421.

Das 421 wurde für einen speziellen Einsatzbereich entwickelt - und dort macht es seinen Job. Ansonsten mag ich dieses Mikrofon nicht - es klingt immer nach "Rundfunksprecher" - und halte es für überbewertet

Wenn der Raum schon nicht ideal ist, dann ist die Auswahl des passenden Mikrofons nur der Versuch einer Schadensbegrenzung.

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RainerG
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Beitragvon RainerG » 10.09.2008, 15:12

@RV,

Der Leiter des Quartetts, möchte gerne jede Gitarre einzelnt aufnehmen, sodass die Spieler während der Aufnahme eine zuvor aufgenommene Spur über den Kopfhörer hören. In diesem Falle hätte ich ein U87 als Niere unmittelbar vor der Gitarre positioniert und zusätzlich mit einem AB-Laufzeitstereofonie-System (Zwei KM 184) mit einer Basisbreite von ca. 70 cm als Raummikrofon gearbeitet. Ich persönlich halte es allerdings sowohl technisch als auch musikalisch für sinnvoller, alle vier Gitarristen gleichzeitig aufzunehmen, denn eine klassische Aufnahme benötigt doch Raum. Für diesen Fall würde ich mit XY-Intensitätsstereofonie, bei einem Achsenwinkel von ca. 115°, arbeiten, um eine gute Lokalisationsschärfe der Aufnahme zu erreichen. Der Leiter des Quartetts hält mir dabei vor, dass es mehr Fehlerquellen gibt, da die polyphone Literatur mit allen Gitarristen gleichzeitig schwieriger aufzunehmen sei. Zudem sei es leichter zu schneiden. Ich sehe es eher andersrum. Eine musikalisch gute Ausführung ist natürlich die Vorraussetzung für eine gelungene Aufnahme. Und die Musik sollte eigentlich davon profitieren, wenn alle Gitarristen miteinander agieren können während der Aufnahme.
Prinzipiell wäre ein Hauptmikrofon mit vier Stützen optimal denke ich, doch es stehen nur zwei Neumann KM 184, ein Neumann U87, ein Neumann TLM 49 und zwei Beyerdynamic MCE 530 (Kleinmebrankondensator, Niere) zur Verfügung.



Hallo RV,


zunächst einmal der Reihe nach:
1. Laß Dich auf keinen Fall auf diese Overdubberei ein !!! Wenn das Ensemble gut ist, hat es das nicht nötig. Und wenn es schlecht ist bzw. wäre, würde es dadurch auch nicht besser. Overdubs erzeugen zwar i.d.R. eine technisch perfektere Aufnahme, sind aber in jedem Fall eine musikalisch verkrampfte Lösung.
Viele Musiker meinen nämlich, daß sowohl die Overdubberei als auch die vorher aufgezeichnete Aufnahme auf Mehrspurrecorder mit anschließender Abmischung "in aller Ruhe" das optimale ist. Außerdem kann man bei Mehrspuraufnahme keineswegs leichter schneiden, denn man schneidet ja nicht die Mehrspuraufnahme, sondern immer die Endmischung.
Ich bin der Ansicht: Mehrspuraufnahme mit anschließender Abmischung - dazu noch bei solch einem kleinen Ensemble - verleitet ALLE Mitwirkenden (also sowohl die Musiker als auch den Tontechnikverantwotlichen) zum schludrigen Arbeiten, weil man unwillkürlich nach dem Motto handelt "... oooch, wir können das ja beliebig oft mischen und schneiden bis es klappt!" - eine fatale Einstellung.
Ich selbst mache niemals eine Aufnahme auf Mehrspur mit anschließender Abmischung, sondern mache die Mischung "on the fly" gleich auf Stereo und dies selbst bei Liveaufnahmen. Man erzieht sich damit selbst zum exakten Arbeiten. Die Musiker spielen zwangsläufig anders wenn sie sich gegenseitig im Raum hören und nicht über Einspielung durch Kopfhörer.

2. Man muß wenn nicht unbedingt alle 4 Instrumente stützen, vor allem dann nicht, wenn man nicht genügend Mikrofone hat.
Versuche auf jeden Fall die Großmembran-Mikrofone nur dann einzusetzen wenn nichts anderes vorhanden ist.
Für eine AB-Anordnung wären zwei Kugeln - und zwar möglichst Druckempfänger - das beste. Aber wenn es nicht anders geht, dann tun es auch die beiden KM 184 in etwas größerem Abstand.
Ich würde hier mal versuchen, jeweils 2 Gitarren mit einem Stützmikrofon zu erfassen, dann böten sich dafür die Beyer an. Und wenn wegen des besseren Rauschverhaltens die Großmembraner als Stützen dienen sollen, dann ggf. die Mittenfrequenzen über den Entzerrer etwas absenken, da Großmembranmikrofone immer zu Mittenverfärbungen neigen.




MfG
Rainer

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Beitragvon juppy » 10.09.2008, 22:38

RainerG hat geschrieben:
Der Leiter des Quartetts, möchte gerne jede Gitarre einzelnt aufnehmen, sodass die Spieler während der Aufnahme eine zuvor aufgenommene Spur über den Kopfhörer hören. In diesem Falle hätte ich ein U87 als Niere unmittelbar vor der Gitarre positioniert und zusätzlich mit einem AB-Laufzeitstereofonie-System (Zwei KM 184) mit einer Basisbreite von ca. 70 cm als Raummikrofon gearbeitet. I

zunächst einmal der Reihe nach:
1. Laß Dich auf keinen Fall auf diese Overdubberei ein !!! Wenn das Ensemble gut ist, hat es das nicht nötig. Und wenn es schlecht ist bzw. wäre, würde es dadurch auch nicht besser. Overdubs erzeugen zwar i.d.R. eine technisch perfektere Aufnahme, sind aber in jedem Fall eine musikalisch verkrampfte Lösung.


Die Vorstellung des Ensembleleiters erinnert mich irgendwie am die Kritik eines potentiellen Kunden, der eine meiner Aufnahmen bemängelte, das wäre keine 1:1 Abbildung dessen, was im Aufnahmeraum geschah. Manch einer wird diesen Thread sicher noch im Gedächtnis haben ...

@ RV:

Ich habe damals dem alles besserwissenden Kunden die Produktion abgesagt ...
(und bin mir sicher, mir einiges Leid erspart zu haben.) ;-)

Du solltest dir m.M. nach auch überlegen, ob Du dir diesen "Auftrag" wirklich antun mußt.
Wenn die Aufnahme - nach den Vorstellungen des Leiters - nichts wird, ist nicht der schuld, sondern bist Du der "Doofe" ...
Das wäre womöglich Deine erste Erfahrung bezüglich der (Nicht-)Wertschätzung der Arbeit eines Tontechnikers

Rainer hat geschrieben:Viele Musiker meinen nämlich, daß sowohl die Overdubberei als auch die vorher aufgezeichnete Aufnahme auf Mehrspurrecorder mit anschließender Abmischung "in aller Ruhe" das optimale ist. Außerdem kann man bei Mehrspuraufnahme keineswegs leichter schneiden, denn man schneidet ja nicht die Mehrspuraufnahme, sondern immer die Endmischung.


@ Rainer:

Ich fürchte, da hat jemand wirklich die Vorstellung, erst jede einzelne Stimme / Spur zu schneiden und dann erst zu mischen ... :shock:

Aber so, wie es im HiFi-Bereich "Kabelhörer" gibt, so gibt es unter Musikers auch sehr viele "Notenspieler", die zwar falsche Töne erkennen, aber keine muskalischen Zusammenhänge und Bögen.

Rainer hat geschrieben:Ich bin der Ansicht: Mehrspuraufnahme mit anschließender Abmischung - dazu noch bei solch einem kleinen Ensemble - verleitet ALLE Mitwirkenden (also sowohl die Musiker als auch den Tontechnikverantwotlichen) zum schludrigen Arbeiten, weil man unwillkürlich nach dem Motto handelt "... oooch, wir können das ja beliebig oft mischen und schneiden bis es klappt!" - eine fatale Einstellung.

Jeder weiter Kommentar dazu wäre überflüssig ...

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Beitragvon RV » 10.09.2008, 23:57

Hallo,

dann bedanke ich mich auch nur abschließend nochmal bei Euch für die vielen hilfreichen Meinungen. Ich werde mal schauen, welche Arbeitsweise ich durchgesetzt bekomme und worauf es nun hinaus laufen wird, wobei ich dazu tendiere, juppy, Deinen Vorschlag, das ganze abzulehnen, in die Tat um zu setzen :wink:

Vielleicht habe ich die Möglichkeit am Ende der Geschichte eine kleine Hörprobe hochzuladen, um das Ergebnis zu präsentieren.

Macht echt Freude, aktiv, fragenderweise hier am Forum teilzunehmen!

Gruß,

Fabian

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Beitragvon juppy » 11.09.2008, 00:53

Fabian alias RV hat geschrieben:..., wobei ich dazu tendiere, juppy, Deinen Vorschlag, das ganze abzulehnen, in die Tat um zu setzen :wink:


Hallo Fabian!

Man muß in solchen Fällen wohl unterscheiden:

Dienen solche Geschichten dazu, den Lebensunterhalt zu sichern - oder ist es für "Ruhm & Ehr" und vor allem, um Erfahrungen zu sammeln?
(Auch aus schlechen Erfahrungen kann man viel lernen ... :-? )

Im ersten Fall ist die Ablehnung der Produktion zumindest einen Gedanken wert, im zweiten muß man nur aufpassen, daß man "auf dem Boden der Tatsachen" bleibt und sich mit dem Möglichen zufrieden gibt. Denn sonst macht man ein Faß ohne Boden auf, arbeitet sich dumm & dämlich, doch danken wird's einem keiner - nach dem Motto "Vergelt's Gott" :-P

Mittelmaß wird immer Mittelmaß bleiben ... :twisted:

Die Entscheidung liegt bei Dir, wieviel Du für dich (im Falle des lernen Wollens) dabei herausholen möchest. Denn es ist schon erstaunlich, wieviel "Musik" man im Schnitt gestalten kann - unabhängig von der Arbeitsweise. Vielleicht wäre unter dem Aspekt das angestrebte Overdub besonders lehrreich bezüglich der Möglichkeiten und auch der Grenzen ... Da überschreitet man die Schwelle von der Darbietung der Künstler zur Interpretation des Tontechnikers ... :hmm:


Und noch eine persönliche Erfahrung:

Eine Aufnahmesitzung ist immer geprägt von der Stimmung vor Ort. Erst beim Schnitt merkt man objektiv, ob ein Musiker womöglich genial oder doch nur Standard ist (dies betrifft auch die eigene Arbeit als Tontechniker!). Dagegen hilft nur eine umfangreiche Repertoirekenntnis, die aus eigenem Musizieren und Arbeitspraxis resultiert - aber man kann leider nicht alles kennen.

Gruß

Juppy


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