Seit gestern gab es einige Probleme bei der Anmeldung. Es erschienen etwas kryptische Fehlermeldungen.
Jetzt funktioniert wieder Alles.
Der Grund war: Der Provider hat heimlich still und leise die PHP Version von Version 5.6 auf 7.2 geändert.
Wir haben dies temporär wieder rückgangig gemacht.
Allerdings werde ich in den nächsten Tagen noch mal einen Update der Forensoftware
machen und ich hoffe dass alles problemlos läuft.
Hin und wieder kann es während dem Upgrade Prozess zu einer Nichterreichbarkeit
bzw. Fehlermeldungen kommen.

Kryptische Definitionen in der Fachliteratur

Grundlagen der Tontechnik, Literatur- und Linktips

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alex
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Kryptische Definitionen in der Fachliteratur

Beitragvon alex » 11.07.2010, 13:13

Hallo,

bin zwar schon länger im Tonmeistergeschäft, aber Foren hatten mich bisher weniger interessiert. Doch jetzt dachte ich mir, ich könnte den aktuellen Anlass mal nutzen, um einen Anfang zu machen.

Grundlagenbücher über das eigene Fachgebiet sollten nach mehr als 30 Jahren Praxis eigentlich keine Kopfzerbrechen mehr bereiten - dachte ich zumindest solange, bis ich mir kürzlich Dickreiters "Mikrofon-Aufnahmetechnik" (Ausgabe 2003) noch einmal als Bettlektüre vornahm.

Auf S. 96 lief mir eine Textstelle über den Weg, die mir in der 1. Auflage von 1984 nie aufgefallen war (Kunststück, sie kommt darin gar nicht vor). Da ich auch auf ebs' Webseite dazu keine Klärung fand (im Gegensatz zu meistens), würde ich gerne euer versammeltes Fachwissen dazu hören.

Die Passage aus der Tabelle "Elektroakustische Kennwerte von Mikrofonen" unter der Rubrik "Störgeräusche" lautet:

Größe: Ersatzgeräusch-(Äquivalent-)pegel nach DIN 45405 (CCIR 468)
Definition: Pegel der Geräuschspannung bezogen auf 1 V ohne Einwirkung von Schall
Typische Werte: 20 ... 28dB


Ähem ... was soll die Angabe "bezogen auf 1 V" an dieser Stelle bedeuten? Wenn es hier um die Angabe des Betriebsübertragungsfaktors (Empfindlichkeit) in dB ginge, hätte ich wohl kaum Verständnisschwierigkeiten. Bezugspunkt für den Ersatzgeräuschpegel ist jedoch nicht irgend ein Spannungswert, sondern seit Jahr und Tag die menschliche Hörschwelle (Bezugsschalldruck 2x10*-5 Pa, p0=0dB).

Doch es kommt noch abstruser:

Größe: Ersatzgeräusch-(Äquivalent-)pegel A-bewertet nach DIN/IEC 651
Definition: dto, jedoch A-bewertet, wegen des Bezugs auf 1 V 4 dB höher als Studiopegel
Typische Werte: 10 ... 20 dBA


Jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr ... :hmm: Ich kann ja den "Bezug auf 1V" schon nicht nachvollziehen - aber was um alles in der Welt soll "wegen des Bezugs auf 1 V 4 dB höher als Studiopegel" in diesem Zusammenhang heißen? Was haben Mikrofon-Ersatzgeräuschpegel und unterschiedlich genormte Studiopegel überhaupt miteinander zu tun? Und wieso sollen sich neuerdings die Werte nach CCIR 468 und IEC 651 nur um 4 dB unterscheiden? Vor allem, da die abgedruckten "typischen Werte" tatsächlich 8...10 dB auseinanderliegen, wie es auch eher der Praxis entspricht?

Mit Gerhart Boré's geradliniger Darstellung beispielsweise hatte ich niemals irgendwelche Schwierigkeiten, weder heute noch in grauer Vorzeit. Bin ich gerade irgendwie verpolt oder altersschwach und habe diverse Gedankengänge oder -sprünge des Autors nicht mitbekommen? Oder ist hier wirklich einiges in den Definitionen munter durcheinandergeraten?

Veritabler Blödsinn wie beispielsweise in Jecklins Theorie der Tontechnik (http://www.mdw.ac.at/I101/iea/tm/scripts/jecklin/tt03mikrofon.pdf): "Die Ersatzlautstärke gibt die Pegeldifferenz in dB zwischen dem Übertragungsfaktor bei einem Schalldruck von 94 dB und dem Geräuschpegel des Mikrofons" lässt sich dagegen ja mit relativer Leichtigkeit entschlüsseln. Doch ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, was mir Dickreiter mit o.g. Definition mitteilen möchte ... :roll:


Brütende Grüße,
alex
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Beitragvon stefan » 11.07.2010, 20:32

Hi alex,
ich hab hier die 2. Auflage von 1995, da findet sich diese Tabelle auf S.88.
Das finde ich auch seltsam, was du hier zitierst, aber es wäre nicht das erste mal, dass sich in Publikationen von Herrn Dickreiter Ungereimtheiten wiederfinden...

Ich sehe da lieber zu, dass bei diesen Temperaturen mein Kopf kühl bleibt und anstatt ihn mir zu zerbrechen, schaue ich hier bei ebs nach:
http://www.sengpielaudio.com/Mikrofonpe ... swerte.pdf - die Definition des Ersatzgeräuschpegels:
"L_Ersatz = Ersatzgeräuschpegel in dB-A = Äquivalent-Schalldruckpegel des Mikrofons bedingt durch innere Störquellen bezogen auf den Schalldruck p0 = 20 μPa ⇒ 0 dB (Hörschwelle) = 94 dB minus Geräuschpegelabstand L_Ger."

Die hier dargestellte Skala ist ja ziemlich anschaulich und jeder sollte sehen, dass die beiden üblichen Angaben eines Ersatzgeräuschpegels von (beispielsweise): 14 dB (A) oder CCIR (unbewertet) 25 dB, wie ich sie in einem Mikrofondatenblatt finden kann, auf keinen Fall heissen sollten: 14 dBV (A-bewertet) oder 25 dBV nach CCIR. Das wäre doch Unsinn!

Auf ein Volt kann man meinetwegen den Pegel der absoluten Rauschspannung beziehen, wenn man diese misst, aber niemals äquivalentes Rauschen.

So eine Angabe für den absoluten Rauschpegel in dBV wäre aber für die Angabe in Mikrofondatenblättern ziemlich unüblich, denn es macht Sinn, das Rauschen immer auf die jeweilige Mikrofonempfindlichkeit zu beziehen. Sonst vergleicht man unterschiedliche Mikrofone, wie Äpfel mit Birnen, und das will ja keiner :-)

Gruss
Stefan
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Re: Kryptische Definitionen in der Fachliteratur

Beitragvon ebs » 11.07.2010, 23:45

So sieht diese von Alex genannte Textstelle bei: Michael Dickreiter "Mikrofon-Aufnahmetechnik" in der Tabelle "Elektroakustische Kennwerte von Mikrofonen" auf meiner privaten Buchseite aus:

Bild

Beim "Bezug auf 1 Volt" bei beiden um etwa 11 dB unterschiedlichen Ersatzgeräusch-(Äquivalent-)pegeln irrt ganz klar Michael Dickreiter.

Da soll auch ein Mikrofon mit einer Impedanz von "mindestens" (?) 200 bis 1000 Ohm abgeschlossen werden. Und wenn man als Abschlusswiderstand des Mikrofons = Eingangswiderstand des Vorverstärkers einen größeren Ohmwert nimmt, wie z. B. 2000 Ohm dann wäre das wohl schlimm. Oder?
Ich habe noch nie solche geringen Impedanzwerte wie hier genannt werden als Last bei einem Studiokondensatormikrofon gesehen.

Bei Studenten stelle ich häufig eine Verwirrung bei der Größe eines Widerstands bzw. der Größe einer Last fest.
Ein kleiner Widerstand als Abschlusswiderstand (Eingangswiderstand), wie z. B. 20 Ohm, stellt eine große Last dar, wobei ein großer (hoher) Strom fließt.
Ein großer Widerstand als Abschlusswiderstand (Eingangswiderstand), wie z. B. 20 Kilo-Ohm, stellt eine kleine oder geringe Last dar, wobei ein kleiner (geringer) Strom fließt.

"Ersatzgeräuschpegel - Wikipedia"; siehe:
http://de.wikipedia.org/wiki/Ersatzger%C3%A4uschpegel

"Ersatzgeräuschpegel - AKG-Glossar";siehe:
http://www.akg.com/site/service_glossary/powerslave,id,21,nodeid,9,_language,DE.html

"Mikrofonpegel und ihre Bezugswerte - Ersatzgeräuschpegel"; siehe:
http://www.sengpielaudio.com/MikrofonpegelUndIhreBezugswerte.pdf

Wer etwas auf 94 dB Schalldruckpegel bezieht, der meint den "Geräuschpegelabstand", der sich aus 94 dB minus Ersatzgeräuschpegel ergibt. Der Schall(wechsel)druck p = 1 Pascal entspricht nicht ganz zufällig dem Schalldruckpegel von rund Lp = 94 dB; siehe:
Jürg Jecklin Skript "3. Mikrofone":
http://www.mdw.ac.at/I101/iea/tm/scripts/jecklin/tt03mikrofon.pdf#search=%22Ersatzlautst%C3%A4rke%22
Jecklin meint hier nicht ganz korrekt: "Ersatzlautstärke. Die Ersatzlautstärke gibt die Pegeldifferenz in dB zwischen dem Übertragungsfaktor bei einem Schalldruck von 94 dB und dem Geräuschpegel des Mikrofons. Kondensatormikrofone haben eine Ersatzlautstärke von 12 dB bis 25 dB."

Mit "Schalldruck p = 94 dB" will er den "Schalldruckpegel Lp = 94 dB ausdrücken.
Mit "Geräuschpegel des Mikrofons" meint er den "Ersatzgeräuschpegel". Der Jecklin-Begriff "Ersatzlautstärke" ist schon lange "ausgestorben" und wird jetzt "Ersatzgeräuschpegel" genannt.
"Der Ersatzgeräuschpegel oder das Eigenrauschen"; siehe:
http://tonthemen.de/viewtopic.php?p=3881#3881

Viele Grüße ebs
ebs - Mikrofonaufnahmetechnik und Tonstudiotechnik
http://www.sengpielaudio.com

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alex
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Beitragvon alex » 12.07.2010, 09:35

Hallo und Danke für die prompten Reaktionen!

stefan hat geschrieben:Hi alex,
... es wäre nicht das erste mal, dass sich in Publikationen von Herrn Dickreiter Ungereimtheiten wiederfinden...

Vorsichtiger hätte auch ich das kaum ausdrücken können ... ;-) Doch bei der fraglichen Textpassage fand ich gleich so viele Stolperstellen auf einmal, dass es mir ein Posting wert war. Vielleicht sollte ich einer meiner Lesestrategien ändern denn immer wieder versuche ich mir beim Lesen von (Fach)büchern vorzustellen, was ein Autor denn gemeint haben könnte (wenn er es schon nicht klar ausgedrückt hat), um am Schluss - viel zu häufig - erleichtert und/oder entnervt zu konstatieren, dass das Geschriebene vermutlich doch nicht viel mehr war als einfach nur dummes Zeug.

Ich bin aber froh festzustellen, dass auch andere Fachleute Veröffentlichungen kritisch verfolgen, für welche die jeweiligen Verlage und Autoren immerhin das Geld ihrer Leser kassieren ...

Zur Definition bei ebs:
stefan hat geschrieben:"L_Ersatz = Ersatzgeräuschpegel in dB-A = Äquivalent-Schalldruckpegel des Mikrofons bedingt durch innere Störquellen bezogen auf den Schalldruck p0 = 20 μPa => 0 dB (Hörschwelle) = 94 dB minus Geräuschpegelabstand L_Ger"

Diese Definition ist für viele Anwendungen prima geeignet - beispielsweise als Gedächtnisstütze für den mehr oder weniger erfahrenen Praktiker, der Mikrofondaten vergleichen möchte, wobei wieder mal ein Hersteller nur den Geräuschpegelabstand angegeben hat und ein anderer nur den Ersatzgeräuschpegel ...
Neulingen würde ich den Zusammenhang zum ersten Einstieg in das Thema vermutlich umgekehrt darstellen: Zunächst werden Feld-(betriebs-)übertragungsfaktor und Ersatzgeräuschpegel messtechnisch ermittelt, mit deren Werten lässt sich schließlich der Geräuschpegelabstand errechnen. (Auch wenn es ausgeklügelte Möglichkeiten gibt, alle Kennwerte auf einen Blick anzuzeigen, so bleibt das Prozedere ihrer Ermittlung praktisch gleich.)

stefan hat geschrieben:Auf ein Volt kann man meinetwegen den Pegel der absoluten Rauschspannung beziehen, wenn man diese misst, aber niemals äquivalentes Rauschen.
So eine Angabe für den absoluten Rauschpegel in dBV wäre aber für die Angabe in Mikrofondatenblättern ziemlich unüblich, denn es macht Sinn, das Rauschen immer auf die jeweilige Mikrofonempfindlichkeit zu beziehen.

In Boré/Peus "Mikrophone" findet sich (S. 69) eine Grafik, die ebenfalls dabei helfen kann zu verdeutlichen, dass Werte wie Grenzschalldruckpegel, Ersatzgeräuschpegel, Dynamikumfang und Geräuschpegelabstand keineswegs direkt auf irgendwelche absoluten Spannungswerte oder genormte Pegel bezogen werden können wie bei Dickreiter ("Pegel der Geräuschspannung bezogen auf 1 V"). Ein solcher Bezug ist überhaupt erst möglich, wenn der jeweilige Feldübertragungsfaktor bekannt ist.

ebs, danke für die Buchkopie, dein "Schlachtfeld" darauf und deine Kommentare dazu!

Wir scheinen uns ja hier ziemlich einig zu sein ... Auch ich habe mich gefragt: "Ja was soll's denn nun sein? wie hätte Dickreiter es denn gerne?" 1 V? oder 0,775? oder 1,55? dBV oder dBu? 3,8 bis 4 dB weniger oder mehr? oder wie oder was? Über den Impedanzenwirrwarr wollte ich lieber erst gar nicht reden, der ja noch vergleichsweise einfach "zurechtinterpretiert" werden könnte - beispielsweise dass bei manchen Herstellern die Messung des Feldübertragungsfaktors bei 1 kHz mit 1 kOhm Nennabschlussimpedanz vorgenommen wird, was beileibe kein typischer Wert in der Studiopraxis ist, sondern den veröffentlichten technischen Daten eher einen gewissen "Sicherheitsabstand" verleiht, wenn diese konservativ (unter ungünstigeren Betriebsbedingungen) ermittelt wurden ....

Doch bei Dickreiters lustigen Störgeräusch-Definitionen hatte ich irgendwann einfach aufgegeben, und ich wollte durch mein Posting wirklich wissen, ob es anderen damit vielleicht ähnlich geht oder ob bei mir schon eine allgemeine Verwirrung eingesetzt hat ...

ebs hat geschrieben:Bei Studenten stelle ich häufig eine Verwirrung bei der Größe eines Widerstands bzw. der Größe einer Last fest.
Ein kleiner Widerstand als Abschlusswiderstand (Eingangswiderstand), wie z. B. 20 Ohm, stellt eine große Last dar, wobei ein großer (hoher) Strom fließt.
Ein großer Widerstand als Abschlusswiderstand (Eingangswiderstand), wie z. B. 20 Kilo-Ohm, stellt eine kleine oder geringe Last dar, wobei ein kleiner (geringer) Strom fließt.

Ich merke immer wieder, wie schwierig es ist, solche für den Praktiker selbstverständlichen Zusammenhänge an Neulinge zu vermitteln. Im Laboratorium meines Vaters vor über 40 Jahren gab es beispielsweise noch diese Dralowid-Hochlastpotis (für die man heute als Neuware ein schieres Vermögen hinblättern muss) zur verlustreichen Netzspannungsteilung per Vorwiderstand. Damit ließ sich natürlich großartig experimentieren: So konnte man beispielsweise an steigender Hitzeentwicklung wunderbar erkennen, wie durchfließender Strom und umgesetzte Leistung mit kleiner werdendem Widerstand zusammenhingen. So lernte ich anschaulich das Ohmsche Gesetz für die elektrische Leistung kennen.

Im Studium war ich immer wieder überrascht, wie manche Kommilitonen beispielsweise beim Einmessen von T9 Bandmaschinen an den drahtgewickelten Einstellwiderständen entweder sich elektrisierten (Netzsteckerpolung nicht beachtet, gelle?) oder Brandblasen holten, weil sie offenbar deren Verlustleistung unterschätzt hatten ...

ebs hat geschrieben:Wer etwas auf 94 dB Schalldruckpegel bezieht, der meint den "Geräuschpegelabstand", der sich aus 94 dB minus Ersatzgeräuschpegel ergibt. Der Schall(wechsel)druck p = 1 Pascal entspricht nicht ganz zufällig dem Schalldruckpegel von rund Lp = 94 dB.

Ich bin ja zu einer Zeit aufgewachsen (wenn auch merklich später als ebs), wo als Bezugsschalldruck noch 2x10*-4 μbar (= 0dB Schalldruckpegel) galt und Feldübertragungsfaktoren in mV/μbar angegeben wurden, d.h. auf Schalldruckpegel 74 dB bezogen. Es hat auch für mich damals lange gedauert, mich auf die "neuen" Einheiten umzustellen, um wesentlich später im Studium feststellen zu dürfen, dass offenbar in einigen amerikanischen Datenblättern Werteangaben nach dem 1978 abgeschafften CGS-Einheitensystem (z.B. "sensitivity" mit Referenz 1 dyn/cm*2 = 1 μbar) überlebt haben ...

ebs hat geschrieben:Jecklin meint nicht ganz korrekt: "Ersatzlautstärke. Die Ersatzlautstärke gibt die Pegeldifferenz in dB zwischen dem Uebertragungsfaktor bei einem Schalldruck von 94 dB und dem Geräuschpegel des Mikrofons. Kondensatormikrofone haben eine Ersatzlautstärke von 12 dB - 25 dB."
Mit "Schalldruck p = 94 dB" will er den "Schalldruckpegel Lp = 94 dB ausdrücken. Mit "Geräuschpegel des Mikrofons" meint er den "Ersatzgeräuschpegel". Der Jecklin-Begriff "Ersatzlautstärke" ist schon lange ausgestorben und heißt jetzt Ersatzgeräuschpegel.

Ich glaube dies ist einer der ganz seltenen Gelegenheiten, wo ebs irrt. Denn selbst wenn ich nach seinen Korrekturen die entsprechenden Termini in Jecklins Satz abändere, so lautet er:
"Der Ersatzgeräuschpegel gibt die Pegeldifferenz in dB zwischen dem Uebertragungsfaktor bei einem Schalldruck von 94 dB und dem Ersatzgeräuschpegel des Mikrofons. Kondensatormikrofone haben einen Ersatzgeräuschpegel von 12 dB - 25 dB."

Macht mir leider immer noch keinen Sinn ...

Entweder so herum:
"Der Ersatzgeräuschpegel errechnet sich aus der Pegeldifferenz zwischen dem Uebertragungsfaktor bei einem Schalldruck von 94 dB und dem Geräuschpegelabstand des Mikrofons. Kondensatormikrofone haben einen Ersatzgeräuschpegel von 12 dB - 25 dB,"
eine Definition, die ich aus o.g. Gründen gerne vermeide, oder noch besser so:
"Der Geräuschpegelabstand ergibt sich aus der Pegeldifferenz zwischen dem Uebertragungsfaktor bei 94 dB Schalldruckpegel minus dem Ersatzgeräuschpegel des Mikrofons. Kondensatormikrofone haben einen Ersatzgeräuschpegel von 12 dB - 25 dB."

Mehr und mehr verstehe und begrüße ich es, wenn Leser sich zunehmend darüber Gedanken machen, welches Vertrauen sie eigentlich in Fachwissen oder Meinungen auch prominenter Autoren wie Dickreiter oder Jecklin legen sollen, wenn diese durch eigenes Unwissen und Ungenauigkeiten bereits bei vergleichsweise simplen Grundbegriffen so eklatant daneben liegen können.

Sonnige Grüße
Alex
Zuletzt geändert von alex am 12.07.2010, 13:50, insgesamt 5-mal geändert.
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Beitragvon stefan » 12.07.2010, 10:32

Hierzu habe ich mal ein paar ganz dumme allgemeine Fragen:

Wozu leisten sich Verlage von Fachliteratur eigentlich ein Lektorat? Oder haben sie dieses mittlerweile ihren Sparprogrammen geopfert? Oder sind Bücher dieser Art viel zu sehr auf die lukrative "Populärwissenschaft" ausgerichtet, bei der ein Verleger meint, auch ohne Qualitätssicherung besteht hier ein geringes Risiko für seinen guten Ruf? Immerhin handelt es sich nur um ein Buch über Mikrofon-Aufnahmetechnik und kein Manual über den Sicherheitsstandard für die Betreiber eines Atomkraftwerks, da darf man sich wohl schonmal ein paar Nachlässigkeiten verzeihen (meint man...).

Und was sagt eigentlich der Autor dazu?

Fehler können passieren - das ist nicht schlimm, wenn die Möglichkeiten und Mittel genutzt werden, eine Publikation einer umfangreichen Qualitätssicherung zu unterziehen. Heikel ist es, wenn sich solche Inhalte dann kritiklos weiterverbreiten und sich - z.B. in Vorlesungsscripten wiederfinden.

Im Grunde genommen ist es das ständiges Hinterfragen von Sachverhalten auf den sengpielaudio.com-Webseiten, die diese so wertvoll machen.

Gruss
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Beitragvon alex » 12.07.2010, 11:16

stefan hat geschrieben: Wozu leisten sich Verlage von Fachliteratur eigentlich ein Lektorat? Oder haben sie dieses mittlerweile ihren Sparprogrammen geopfert? Oder sind Bücher dieser Art viel zu sehr auf die lukrative "Populärwissenschaft" ausgerichtet, bei der ein Verleger meint, auch ohne Qualitätssicherung besteht hier ein geringes Risiko für seinen guten Ruf? Und was sagt eigentlich der Autor dazu?


Tja, ein heikles Thema ...

Einerseits kommt es durchaus vor, dass fachkundige Lektoren dem Ruf eines Autors sehr förderlich sein können. ;-)

Andererseits ertrage auch ich gelegentlich Lektoren, deren Kenntnisse im Vergleich zu denen des Autors ... sagen wir: deutlich weniger ausgeprägt sind ("k.A.", wie vor grauer Vorzeit mein Übertragungstechnik-Professor dazu sagte), die aber unter Angabe aller möglichen und manchmal fachlich schwer nachvollziehbaren Gründe in die Arbeit eines Autors hineinzuredigieren versuchen, was das Zeug hält.

Nicht zuletzt deswegen bin auch ich so dankbar für ebs' wirklich einzigartige und fundierte Informationssammlung, in der glücklicherweise auch deutlich geäußerte eigene Standpunkte und Meinungen nicht fehlen. Allein schon die Hingabe und der enorme Aufwand über so lange Zeit hinweg verdienen größte Anerkennung, Bewunderung und Respekt.

stefan hat geschrieben: Heikel ist es, wenn sich solche Inhalte dann kritiklos weiterverbreiten und sich - z.B. in Vorlesungsscripten wiederfinden.

Heikel in der Tat, doch leider schier unausrottbar, und das auf nahezu jedem Fachgebiet. Jüngstes Beispiel:
ebs hat geschrieben:"Ersatzgeräuschpegel - AKG-Glossar";siehe:
http://www.akg.com/site/service_glossar ... ge,DE.html

Abgesehen von der Rechtschreibung stimmen sogar bei AKG die Fakten nicht 100%ig:
"Kondensatormikrofone besitzen infolge des Vorverstärkers ein geringes Eigenrauschen, das am Mikrofonausgang als störende Ausgangsspannung in Erscheinung tritt. Diese vom Vorverstäker hervorgerufene Eigenstörspannung wird bewertet als Geräuschspannung mittels genormter Filter gemessen, wobei das Messergebnis als Ersatzgeräuschpegel in dB angegen wird."

Der Vorverstärker ist nicht die einzige Störquelle eines kapazitiven Mikrofons. Keineswegs zu vernachlässigen sind auch die elektrischen und akustischen Wirkwiderstände der Mikrofonkapsel. Man vergleiche beispielsweise das Eigengeräusch eines Mikrofonverstärkers: 1) bei angeschlossener Kapsel, 2) bei angeschlossener Ersatzkapazität gleicher Größe. (Das ist in der Praxis leider nicht so einfach, denn man braucht dafür besonders bei rauscharmen Mikros einen möglichst schallfreien Raum!)

stefan hat geschrieben: Im Grunde genommen ist es das ständiges Hinterfragen von Sachverhalten auf den sengpielaudio.com-Webseiten, die diese so wertvoll machen.

Genau! Hoffentlich bleiben ebs und seine Webseite uns noch lange erhalten ...

Sonnig-schwüle Grüße,
alex
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Unkorrigierte Fehler in Fachbüchern

Beitragvon ebs » 15.07.2010, 11:03

stefan hat geschrieben: Wozu leisten sich Verlage von Fachliteratur eigentlich ein Lektorat? Oder haben sie dieses mittlerweile ihren Sparprogrammen geopfert? Oder sind Bücher dieser Art viel zu sehr auf die lukrative "Populärwissenschaft" ausgerichtet, bei der ein Verleger meint, auch ohne Qualitätssicherung besteht hier ein geringes Risiko für seinen guten Ruf?
Fehler können passieren - das ist nicht schlimm, wenn die Möglichkeiten und Mittel genutzt werden, eine Publikation einer umfangreichen Qualitätssicherung zu unterziehen. Heikel ist es, wenn sich solche Inhalte dann kritiklos weiterverbreiten und sich - z. B. in Vorlesungsscripten wiederfinden.

Diesen Gedanken ist nur zuzustimmen. Hier ist so ein kleines Beipiel zu diesem Thema.
Aus: Hubert Henle, "Das Tonstudio Handbuch, GC Gunther Carstensen Verlag, Factfinder-Serie, 1993
Notwendige Korrektur zu Seite 122:

            Bild

Wer findet den Fehler in der Abbildung? Ein Lektor hat es recht schwer diesen Fehler zu finden, wenn er nicht selbst Tontechniker ist.

Viele Grüße ebs

PS: "Notwendige Korrekturen in Tontechnikbüchern":
http://www.sengpielaudio.com/NotwendigeKorrekturenInTontechnikbuechern01.pdf
http://www.sengpielaudio.com/NotwendigeKorrekturenInTontechnikbuechern02.pdf
http://www.sengpielaudio.com/NotwendigeKorrekturenInTontechnikbuechern03.pdf
ebs - Mikrofonaufnahmetechnik und Tonstudiotechnik

http://www.sengpielaudio.com

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Re: Unkorrigierte Fehler in Fachbüchern

Beitragvon alex » 15.07.2010, 11:37

ebs hat geschrieben:Bild

Ein Lektor hat es recht schwer diesen Fehler zu finden, wenn er nicht selbst Tontechniker ist.


Ich würde sagen die Kurvenbezeichnungen sind vertauscht. Die höhere Tiefenanhebung gehört zum kleineren Mikrofonabstand und umgekehrt.

Blöderweise scheinen solche Fehler so leicht zu übersehen zu sein gerade wegen ihrer Offensichtlichkeit in einem Detail, das Fachleuten eigentlich selbstverständlich erscheint. Mit jedenfalls ist genau dieses beim ersten oberflächlichen Hinschauen passiert: Ich habe das Bild einfach so "zurechtinterpretiert" wie es meinen Kenntnissen und Erfahrungen entspricht.

Einen ähnlichen Effekt kenne ich gut von Menschen beispelsweise in einer Lernsituation, die das Wesentlichste und Offensichtlichste gerade dann kaum bemerken, wenn man sie dazu auffordert, ganz genau hinzuhören (hinzusehen, "sich zu konzentrieren", etc.). Von diesem Prinzip leben fast alle Illusionskünstler.

Es gibt geradezu beunruhigende Untersuchungen darüber, wie sehr ausgerechnet fachmännische Erfahrung unter bestimmten Bedingungen einen solchen "Tunnelblick" eher fördern als vermeiden helfen kann ...

Viele Grüße,
alex
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janosch
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Re: Unkorrigierte Fehler in Fachbüchern

Beitragvon janosch » 15.07.2010, 13:40

alex hat geschrieben:Ich würde sagen die Kurvenbezeichnungen sind vertauscht.
Genau.

alex hat geschrieben:Einen ähnlichen Effekt kenne ich gut von Menschen beispelsweise in einer Lernsituation, die das Wesentlichste und Offensichtlichste gerade dann kaum bemerken, wenn man sie dazu auffordert, ganz genau hinzuhören (hinzusehen, "sich zu konzentrieren", etc.). Von diesem Prinzip leben fast alle Illusionskünstler.

Es gibt geradezu beunruhigende Untersuchungen darüber, wie sehr ausgerechnet fachmännische Erfahrung unter bestimmten Bedingungen einen solchen "Tunnelblick" eher fördern als vermeiden helfen kann...

Die Erfahrung mache ich auch selbst. Die Beurteilung des Klanges einer eigenen Aufnahme ist umso fehlerhafter, je intensiver und länger ich hinhöre. Deshalb nehme ich mir öfter eine Zeitschrift oder ein Buch zum Lesen und lasse die Aufnahme "nebenbei" laufen. Weil das Gehirn Fehler dann nicht mehr so gut kompensiert, stellt sich ein viel ehrlicherer Klangeindruck ein. Längere Hörpausen haben einen ähnlichen Effekt.

Diese Vorgehensweise hat mich schon vor Verschlimmbesserungen bewahrt.

Gruß Jan
Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben. Man muß auch unfähig sein, sie auszudrücken. (Karl Kraus, 1874–1936)


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