Keramik-Mikrofon –70 dB

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ebs
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Keramik-Mikrofon –70 dB

Beitragvon ebs » 24.07.2014, 15:21

Anfrage:
Sehr geehrter Herr S.
Sie sind meine letzte Rettung, wenn es um Mikrofone geht.
Von einem bestimmten Mikrofontyp habe ich mir von der Firma Conrad Unterlagen zukommen lassen.

Bild

Jetzt möchte ich wissen, was eigentlich "Sensitivity": −70 dB ist. Ich brauche eine Formel zum Selber-Ausrechnen der Ausgangsspannungen für das Keramik-Mikrofon. Vielleicht haben Sie auch noch diese oder jene Formel für die Ausgangsspannungsberechnung eines Keramik-Mikrofons.

Antwort:
Sehr geehrter Herr St.

In meiner täglichen Arbeit als Sound-Designer für Tonaufnahmen von akustischen Orchesterinstrumenten ist mir bisher eine Keramik-Mikrofonkapsel (Ceramic Microphone Cartridge) noch nicht untergekommen.

Google-Suche - "Ceramic microphone cartridge":
http://www.google.com/search?hl=en&q=Ceramic+microphone+cartridge&filter=0

Google-Image - "Keramik-Mikrofonkapsel":
https://www.google.com/search?hl=de&gws_rd=ssl&um=1&ie=UTF-8&tbm=isch&source=og&sa=N&q=Keramik-Mikrofonkapsel

Es handelt sich also um kein übliches Kondensator-Mikrofon der Tonstudiotechnik (Audio) mit einer Ausgangsimpedanz von etwa 50 Ohm bei 1 kHz, sondern um ein ganz spezielles Mikrofon mit recht hoher Ausgangsimpedanz von etwa 250 Kilo-Ohm bei 1 kHz, das unter anderem beim CB-Funk angewendet wird. Dabei liegt die obere Grenzfrequenz nicht höher als 7 kHz und die Mikrofon-Ausgangsspannung ist äußerst gering.

Sie fragen nach der Erklärung des englischen Wortes "Sensitivity". Das heißt auf Deutsch übersetzt "Empfindlichkeit".
Gerne wird im Techniker-Jargon beim Mikrofon das Wort "Empfindlichkeit" genommen, wenn in den Technischen Daten der übliche Begriff "Übertragungsfaktor in mV/Pa" gewählt wird; siehe:
"Mikrofon-Empfindlichkeit (sensitivity) - Umrechnung":
http://www.sengpielaudio.com/Rechner-sensitivity.htm

Der Übertragungsfaktor von 0,3162 mV/Pa (1 mV = 0,001 V) entspricht der Empfindlichkeit (Sensitivity) von −70 dB re 1 V/Pa.
Formeln:
Übertragungsfaktor = 10^(Empfindlichkeit/20) – Empfindlichkeit in dB re 1 Volt pro Pascal
Empfindlichkeit = 20·log(Übertragungsfaktor) – Übertragungsfaktor in Volt pro Pascal

In USA oder Japan kann es jedoch sein, dass −70 dB re 1 dyn/cm² gewählt wird, was dem Übertragungsfaktor 3,162 mV/Pa entspricht.

Viele Grüße ebs
ebs - Mikrofonaufnahmetechnik und Tonstudiotechnik
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Wilfried
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Re: Keramik-Mikrofon –70 dB

Beitragvon Wilfried » 24.07.2014, 16:34

Bei dem dürftigen Datenblatt würde ich mir lieber - sofern die mageren Daten mir überhaupt zusagen -
bei dem Einzelpreis von 3 EUR mal 10 bis 20 Stück besorgen,
auch um einen Eindruck der Serienstreuung zu bekommen.
-70 dB (wie EBS schon sagt bezogen auf was?) +/- wieviel
Frequenzgang 100 bis 7 kHz +/- 5 dB aus dem lieblos kopierten kaum leserlichen Diagramm. So weit so schlimm.
Kein "Toleranzschlauch".
Nix zum Signal/Rauschverhältnis. Ganz verdächtig.
230 kOhm bei 1 kHz OK. Aber was ist bei 100 Hz und 10 kHz? Vermutlich höher, Richtung 1 MegOhm
--> Eingangsimpedanz des Mic VV dann so um 10 MegOhm. --> Ganz kurze Leitung zum MicVV.

Dann noch: Seignettesalz (vermutlich) ist wärmeempfindlich und wasserlöslich... "kopfkratz"
If you can't fix it with a hammer, you've got an electrical problem.

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Re: Keramik-Mikrofon –70 dB

Beitragvon tillebolle » 25.07.2014, 09:04

Ich dachte, diese altmodischen Kristallmikrofone sind mittlerweile komplett von MEMS-Mikrofonen abgelöst worden. Das sind Kondensatormikrofone, die direkt in's Silizium geätzt sind. Z.B. dieses hier:
http://www.wolfsonmicro.com/products/mems-microphones/digital-silicon-microphone/wm7220/
Bild

ebs hat geschrieben:In meiner täglichen Arbeit als Sound-Designer für Tonaufnahmen von akustischen Orchesterinstrumenten ...

Sound-Designer? Neumodischer Kram! Ich dachte Du bist Tonmeister ;-)

Viele Grüße
tillebolle
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Re: Keramik-Mikrofon –70 dB

Beitragvon ebs » 25.07.2014, 11:14

tillebolle hat geschrieben: Sound-Designer? Neumodischer Kram! Ich dachte Du bist Tonmeister.

Am Anfang meiner Laufbahn hatte ich Stereo-Tonaufnahmen zu machen, die sich problemlos in die schwarze Schallplattenrille kratzen lassen mussten und die unbedingt von den Rundfunkstationen als sendefähig anerkannt zu sein hatten. Bei der klassischen Musik wünschten sich alle einen Klang, so wie er am Ort der Schallerzeugung wirklich zu hören war. Wer das brav ausführte, der war ein guter Tonmeister. Dabei spielte ein X/Y oder M/S-Pegeldifferenz-Stereomikrofon als Hauptmikrofon, wie das SM 2, das SM 23 c oder das SM 69 eine bedeutende Rolle.

Mit diesem Anspruch kann man heute keine Musiker mehr überzeugen. Diese wissen heute ganz genau wie es zu klingen hat. Hat doch jeder Musiker zu Hause sein eigenes Studio, mindestens in Form eines Computers mit einer Soundkarte.
Heute bedarf es - wie bei den Lebensmitteln - unbedingt kräftiger "Geschmacksverstärker" und diese kann heute nur ein "Sound-Designer" anbieten, der genau weiß was er tut, der gut die Theorie der Akustik kennt - und der gezielt in die Kiste der Apps greift, um damit vorsichtig eine verbesserte Klang-Realität als Illusion zu suggerieren.

Viele Grüße ebs
ebs - Mikrofonaufnahmetechnik und Tonstudiotechnik

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Re: Keramik-Mikrofon –70 dB

Beitragvon tillebolle » 30.07.2014, 11:31

Du hast sicher recht, dass Tonschaffende heute viel mehr klanggestaltend als nur reproduzierend arbeiten müssen. Und das ist ja auch schön! Ein Grund dafür liegt unter anderem darin, dass kaum jemand heutzutage noch ausschließlich Klassik hört, sondern auch viel Pop, Rock, Jazz und Musical, und viel von der dortigen Klangästhetik auch bei Klassikaufnahmen erwartet.
Trotzdem denke ich bei der Berufsbezeichnung "Sound Designer" eher an einen Programmierer von Synthesizerklängen.

Aber nochmal zurück zu den MEMS-Mikrofonen: Analog Devices bietet dieses Mikrofon-Array mit 32 MEMS-Mikrofonen als "High Performance, Low-Noise Studio Microphone" an.
CN0284_15_0415.gif

http://www.analog.com/en/circuits-from-the-lab/cn0284/vc.html

Die Werte lesen sich jetzt noch nicht so, dass ich die Bezeichnung "Studio Microphone" für gerechtfertigt halte. Aber vielleicht in ein paar Jahren...? Mit einem adaptiven Beamforming-Algorithmus in ein schickes Retro-Großmembrangehäuse verpackt, und fertig ist der KEM-Killer.

Viele Grüße
tillebolle
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