Kugelvorhang bzw. Mikrofonwand

Grundlagen der Tontechnik, Literatur- und Linktips

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manjak
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Kugelvorhang bzw. Mikrofonwand

Beitragvon manjak » 07.04.2017, 22:26

Moyn Zusammen,

im Zusammenhang mit Bigband aufnahmen habe ich einen Hinweis auf die "Mikrofonwand" bzw. den "Kugelvorhang" gelesen. EBS hat dazu ja auch einige Ausführungen gemacht. Dazu stellen sich für mich aber immer noch ein paar Fragen:

1. Es gibt ja die Möglichkeit dieses Verfahren mit 4 oder 5 Mikrofonen zu machen. Gibt es da eine Abhängigkeit von der Breite des Klangkörpers oder sind das nur zwei technisch unterschiedliche Verfahren?

2. Wenn das Ensemble beispielsweise 8 Meter breit ist und ich mit 4 Mikrofonen arbeite, ist der Abstand zwischen den Mikrofonen 2 Meter! Wende ich die 1/3-Regel an, dürfte der Abstand zur Schallquelle nur 66 cm sein. Das kann ich mir allerdings kaum vorstellen. Gilt die 1/3-Regel hier nicht, obwohl ja zwei Mikrofone hier die gleiche Schallquelle aufnehmen?

3. Den Abstand ermittelt man sicherlich durch "Hören", aber gibt es hier Erfahrungswerte wie die Relation zwischen Mikrofonabstand und Entfernung zur Schallquelle sein soll, ähnlich wie beim AB-Verfahren?

4. Das Verfahren heißt ja auch "Kugelvorhang". Muss man dafür tatsächlich zwingen Mikrofone mit Kugelcharakteristik nehmen oder gehen auch Nieren?

Freue mich über erhellenden Input!
Manfred
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sleepytomcat
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Re: Kugelvorhang bzw. Mikrofonwand

Beitragvon sleepytomcat » 08.04.2017, 10:51

Die Mikrofonwand kann als eine Variante des Decca-Trees, als dessen lineare Aufstellung betrachtet werden. Sie wird gerne bei vorrangig linear aufgebauten Klangkörpern (wie z. B. Chören) verwendet. Es gibt ein Mittenmikrofon und jeweils ein Rechts- und Linksmikrofon, zusätzlich rechts und links je einen oder zwei Outrigger auf der gleichen Linie. Die Abstände der Mikrofone untereinander und zum Klangkörper werden rein gehörmäßig bestimmt und unterliegen sonst keinen weiteren Regeln.

Neben der Aufstellung mit Stativen ist auch Abhängigen, einzeln oder an einer Traverse möglich.

Es sind sowohl Druckempfänger, als auch Druckgradientenempfänger verwendbar. Druckempfänger sind üblich. Zu beachten ist, dass die Mikrofone nicht ausgewinkelt und nicht mit den panpots eingeengt werden.
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Wilfried
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Re: Kugelvorhang bzw. Mikrofonwand

Beitragvon Wilfried » 08.04.2017, 11:27

Mich "bedroht" so eine Aufnahmesituation wohl demnächst. 18 Sänger A Capella + gelegentlich
Kirchenorgel (ist hinter dem Chor). Wie immer zu wenig Männer. Wenigstens den Raum kenne ich
(kleine Kirche).

Meine Vorüberlegung: Kugel in der Mitte. R und L jeweils eine Niere voll rechts bzw. links.
Männer in der Mitte, die Damen hinter den Männern erhöht auf einem Podest (oder auf Lücke),
die anderen Damen in gleicher Zahl verteilt rechts und links. So weit die Theorie.
Glücklicherweise wird es zwei Proben an zwei Tagen vor dem Auftritt am Ort geben.
Da kann man dann noch etwas probieren...
If you can't fix it with a hammer, you've got an electrical problem.

manjak
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Re: Kugelvorhang bzw. Mikrofonwand

Beitragvon manjak » 08.04.2017, 12:39

sleepytomcat hat geschrieben:Die Mikrofonwand kann als eine Variante des Decca-Trees, als dessen lineare Aufstellung betrachtet werden. Sie wird gerne bei vorrangig linear aufgebauten Klangkörpern (wie z. B. Chören) verwendet. Es gibt ein Mittenmikrofon und jeweils ein Rechts- und Linksmikrofon, zusätzlich rechts und links je einen oder zwei Outrigger auf der gleichen Linie. Die Abstände der Mikrofone untereinander und zum Klangkörper werden rein gehörmäßig bestimmt und unterliegen sonst keinen weiteren Regeln.


wenn ich das also richtig verstehe, handelt es sich bei dieser Art faktisch auch um ein Hauptmikrofonsystem, dass man mit mehreren Mikrofonen ausstatten kann. Und man sollte ausreichend Zeit für den Aufbau und Testhören einplanen/haben.

Das Verfahren ist danach aber wohl weniger für Ensenbles mit einer ausgeprägten Tiefenstruktur einsetzbar.

sleepytomcat hat geschrieben:Es sind sowohl Druckempfänger, als auch Druckgradientenempfänger verwendbar. Druckempfänger sind üblich. Zu beachten ist, dass die Mikrofone nicht ausgewinkelt und nicht mit den panpots eingeengt werden.


Was heißt in diesem Zusammenhang "ausgewinckelt" und Pancodes"?

Viele grüße
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RainerG
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Re: Kugelvorhang bzw. Mikrofonwand

Beitragvon RainerG » 08.04.2017, 14:00

Hallo Manfred,

Zunächst: Eine Bigband mit einem "Vorhang" aufzunehmen finde ich etwas "exotisch". Ich würde da lieber zur Multimikrofonie greifen und evtl. "nur" eine A/B als Hauptsystem davor stellen. Carlos Albrecht - unser VDT-Präsident - der sich mit solchen Aufnahmen sehr gut auskennt hat mal bei einem Kollegentreff gesagt: "Jazz ist dem Wesen nach klassische Musik". Und ich denke, man sollte das auch bei der Aufnahme beachten. Bei diesem Gespräch ging es auch um Aufnahme von Big-Bands.
Mit der von Dir beschriebenen Mikrofonanordnung (1:3-Regel etc.) sollte man nicht zu sehr an den "Rezeptbuchregeln" kleben. Aus meiner Erfahrung mit ausgedehnten Klangkörpern - wie z.B. Chöre - kann ich sagen, daß ich mir über diese 1:3-Regel niemals Gedanken mache. Ich stelle (oder hänge) die Mikrofone rein nach Gefühl auf und höre mir das Ergebnis an. Selbst bei Chören mit einer Ausdehnung von 8 Metern komme ich vor dem Chor mit 3 Mikrofone aus. Manchmal nehme ich auch 4.
Allerdings nehme ich da meist Nieren weil ich sehr oft vor dem Chor ein Orchester stehen habe und dies soll nicht in die Chormikrofone einstreuen.
Das sog. "Auswinkeln" (also die Mikrofone nach außen gedreht) kann entfallen und bringt auch nichts. Allerdings dem Hinweis von Sleepy nichts mit den Panpots ein zu engen muß ich widersprechen:
Ich stelle bei 3 Mikrofone die Panpots für die äußeren in die Eckstellungen und das für das mittlere auf Mittelstellung (ist eingentlich schon ein "Trivialfall"). Bei 4 Mikrofonen stelle ich ebenfalls die Panpots für die äußeren Mikrofone in die Eckstellungen aber die für die beiden inneren stelle ich auf "halblinks" und "halbrechts", auch dann wenn es Druckempfänger sind. Es geht mir dabei um die korrekte Richtungsabbildung der davor stehenden Schallquellen. Sonst bekommt man ein zu großes "Loch in der Mitte" bei der Wiedergabe.
Und dies kannst Du auch auf Deinen Fall mit der Bigband anwenden.


Grüße
RainerG
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Re: Kugelvorhang bzw. Mikrofonwand

Beitragvon Grosse_j » 08.04.2017, 19:19

RainerG hat geschrieben:Hallo Manfred,

Selbst bei Chören mit einer Ausdehnung von 8 Metern komme ich vor dem Chor mit 3 Mikrofone aus. Manchmal nehme ich auch 4.
Allerdings nehme ich da meist Nieren weil ich sehr oft vor dem Chor ein Orchester stehen habe und dies soll nicht in die Chormikrofone einstreuen.
Das sog. "Auswinkeln" (also die Mikrofone nach außen gedreht) kann entfallen und bringt auch nichts. Allerdings dem Hinweis von Sleepy nichts mit den Panpots ein zu engen muß ich widersprechen:
Ich stelle bei 3 Mikrofone die Panpots für die äußeren in die Eckstellungen und das für das mittlere auf Mittelstellung (ist eingentlich schon ein "Trivialfall"). Bei 4 Mikrofonen stelle ich ebenfalls die Panpots für die äußeren Mikrofone in die Eckstellungen aber die für die beiden inneren stelle ich auf "halblinks" und "halbrechts", auch dann wenn es Druckempfänger sind. Es geht mir dabei um die korrekte Richtungsabbildung der davor stehenden Schallquellen. Sonst bekommt man ein zu großes "Loch in der Mitte" bei der Wiedergabe.
Und dies kannst Du auch auf Deinen Fall mit der Bigband anwenden.


Grüße
RainerG


Bei Chören bevorzuge ich 4 Mikrofone, wenn die Männer in der Mitte stehen, dort kann man dann auch ein Äquivalenzstereo Mikrofoanordnungn aufstellen - ab60, ORTF, EBS dann ist die Abbildung mittig Systemgebgeben - und außen jeweils noch ein Mikrofon gepannt auf R bzw L.
Ob Nieren oder Kugeln günstiger sind hängt auch vom Raum ab. Bei vor dem Chor sitzenden Orchester vergesst die Achten nicht soweit vorhanden. Damit kann man das Einstreuen der lauten Instrumente der letzten Orchesterreihe (Blech, Schlagwerk) am besten ausblenden.
Wenn Männer hinten im Chor stehen muss man das mit der Mikrofonhöhe ausbalancieren, da genügen häufig auch zwei oder drei gleiche Mikrofone.
Wenn der Chor nicht halbkreisförmig steht geht es auch mit einer Kombination Äquivalenz in der Mitte z.B. Kugeln und zB. AB 3m mit Nieren oder Achten daneben, das erhöht die Präsenz der äußeren Stimmen.
Bigband oder Blasorchester nehme ich meistens mit meiner Kombination aus EBS (Nieren) und AB ca. 3m auf. Ein Zumischmikrofon laut Eberhard Sengpiel ca. 5m dahinter zusätzlich gibt einem die Möglichkeit beim Abmischen Räumlichkeit und Präsenz der Instrumentengruppen zu beeinflussen.
Gruß
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Re: Kugelvorhang bzw. Mikrofonwand

Beitragvon manjak » 08.04.2017, 22:06

RainerG hat geschrieben:Hallo Manfred,

Zunächst: Eine Bigband mit einem "Vorhang" aufzunehmen finde ich etwas "exotisch". Ich würde da lieber zur Multimikrofonie greifen und evtl. "nur" eine A/B als Hauptsystem davor stellen.


Nun, das ist ja nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern wurde hier im Forum zum Thema Bigband mal ausführlich diskutiert und insoweit resultierten daraus meine Fragen.

RainerG hat geschrieben:HCarlos Albrecht - unser VDT-Präsident - der sich mit solchen Aufnahmen sehr gut auskennt hat mal bei einem Kollegentreff gesagt: "Jazz ist dem Wesen nach klassische Musik". Und ich denke, man sollte das auch bei der Aufnahme beachten. Bei diesem Gespräch ging es auch um Aufnahme von Big-Bands.


Vollkommen nachvollziehbar und als alter ORTF-Fan würde ich dann da auch mit einem ORTF-System arbeiten.

RainerG hat geschrieben:HMit der von Dir beschriebenen Mikrofonanordnung (1:3-Regel etc.) sollte man nicht zu sehr an den "Rezeptbuchregeln" kleben. Aus meiner Erfahrung mit ausgedehnten Klangkörpern - wie z.B. Chöre - kann ich sagen, daß ich mir über diese 1:3-Regel niemals Gedanken mache. Ich stelle (oder hänge) die Mikrofone rein nach Gefühl auf und höre mir das Ergebnis an. Selbst bei Chören mit einer Ausdehnung von 8 Metern komme ich vor dem Chor mit 3 Mikrofone aus. Manchmal nehme ich auch 4.
Allerdings nehme ich da meist Nieren weil ich sehr oft vor dem Chor ein Orchester stehen habe und dies soll nicht in die Chormikrofone einstreuen.
Das sog. "Auswinkeln" (also die Mikrofone nach außen gedreht) kann entfallen und bringt auch nichts. Allerdings dem Hinweis von Sleepy nichts mit den Panpots ein zu engen muß ich widersprechen:
Ich stelle bei 3 Mikrofone die Panpots für die äußeren in die Eckstellungen und das für das mittlere auf Mittelstellung (ist eingentlich schon ein "Trivialfall"). Bei 4 Mikrofonen stelle ich ebenfalls die Panpots für die äußeren Mikrofone in die Eckstellungen aber die für die beiden inneren stelle ich auf "halblinks" und "halbrechts", auch dann wenn es Druckempfänger sind. Es geht mir dabei um die korrekte Richtungsabbildung der davor stehenden Schallquellen. Sonst bekommt man ein zu großes "Loch in der Mitte" bei der Wiedergabe.
Und dies kannst Du auch auf Deinen Fall mit der Bigband anwenden.


Grüße
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OK, die Rezeptbücher habe ich ja sowieso schon zur Makulatur gemacht und orientiere mich jetzt einfach mal, was es noch an Möglichkeiten gibt und in welchen Situationen die Sinn machen.

Vg Manfred
Viele Grüße
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Re: Kugelvorhang bzw. Mikrofonwand

Beitragvon LoboMixx » 08.04.2017, 23:02

Dazu habe ich noch eine Frage: Spielt die BigBand rein akustisch (dazu zählen für mich dann auch auf der Bühne stehende und dem jeweiligen Instrument räumlich direkt zugeordnete einzelne Verstärker-Boxen, z.B. für E-Gitarre, Bass und E-Piano)?
Oder spielen die über eine PA-Anlage?

Im ersteren Fall kann man das Ensemble wie ein "klassisches" Orchester betrachten und entsprechend abnehmen mit Hauptmikrofon-System und Stützen nach Bedarf (in diesem Sinn verstehe ich auch das Zitat "Jazz ist dem Wesen nach klassische Musik", weil sich die klangliche Auffassung der Musiker normalerweise am akustischen Originalklang der Instrumente orientiert und Effekte im Signalweg bei Mikrofonierung keine bzw. nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen).

Im zweiten Fall funktioniert es meiner Erfahrung nach nicht wirklich mit dieser "klassischen" Vorgehensweise, weil die PA fast immer ungünstig in die Hauptmikrofone einstreut und den Klang verwischt und verfärbt. Hier würde auf ein Hauptmikofon-System ganz verzichten und ein reine Polymikrofonie anwenden, was sich auch schon deshalb anbietet, weil man die Mikrofonierung für die PA direkt für die Aufnahme verwenden kann (z.B. die digitalen Direct-Outs über den USB-Anschluss beim X32).

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sleepytomcat
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Re: Kugelvorhang bzw. Mikrofonwand

Beitragvon sleepytomcat » 09.04.2017, 13:41

OK, die Rezeptbücher habe ich ja sowieso schon zur Makulatur gemacht und orientiere mich jetzt einfach mal, was es noch an Möglichkeiten gibt und in welchen Situationen die Sinn machen.
(manjak)

Das sollte mit Vorsicht geschehen… "Rezepte" beruhen oft auf dem Wissen und den Erfahrungen von Könnern. Sie geben damit Wege vor, die sich — aus ihrer Sicht — bewährt haben. Rezepte sollten ausprobiert, verstanden und bewertet werden, bevor sie zu "Makulatur" gemacht werden. Die meisten Rezepte-Anbieter sind keine Dummköpfe. Rezepte als per se als Makulatur zu bezeichnen kann schnell arrogant sein. Auch Ratschläge sind oft "Rezepte".

Nichts desto Trotz soll jeder seinen eigenen Weg und seine eigene Arbeitsweise entwickeln, die das Verständnis von Zusammenhängen und das nachvollziehen von gemachten Erfahrungen voraussetzt.

Wg. "Auswinkelung" und "panpot-Einengung":

Ich beziehe mich hier auf Ausführungen von ebs, der das Auswinkeln von Druckempfängern in Hauptmikrofonen grundsätzlich ablehnt, warum? bitte in den Lehrbriefen nachlesen. Das Gleiche gilt für das einengen von Druckempfängern bei AB- und AB-Zumischsystemen. Bei Polymikrofonierungen ("Knüppel-Stereo") ist die Situation eine völlig andere und bei Mikrofonvorhängen kann es ähnlich sein.
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manjak
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Re: Kugelvorhang bzw. Mikrofonwand

Beitragvon manjak » 09.04.2017, 20:40

LoboMixx hat geschrieben:Dazu habe ich noch eine Frage: Spielt die BigBand rein akustisch (dazu zählen für mich dann auch auf der Bühne stehende und dem jeweiligen Instrument räumlich direkt zugeordnete einzelne Verstärker-Boxen, z.B. für E-Gitarre, Bass und E-Piano)?
Oder spielen die über eine PA-Anlage?

Im ersteren Fall kann man das Ensemble wie ein "klassisches" Orchester betrachten und entsprechend abnehmen mit Hauptmikrofon-System und Stützen nach Bedarf (in diesem Sinn verstehe ich auch das Zitat "Jazz ist dem Wesen nach klassische Musik", weil sich die klangliche Auffassung der Musiker normalerweise am akustischen Originalklang der Instrumente orientiert und Effekte im Signalweg bei Mikrofonierung keine bzw. nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen).

Im zweiten Fall funktioniert es meiner Erfahrung nach nicht wirklich mit dieser "klassischen" Vorgehensweise, weil die PA fast immer ungünstig in die Hauptmikrofone einstreut und den Klang verwischt und verfärbt. Hier würde auf ein Hauptmikofon-System ganz verzichten und ein reine Polymikrofonie anwenden, was sich auch schon deshalb anbietet, weil man die Mikrofonierung für die PA direkt für die Aufnahme verwenden kann (z.B. die digitalen Direct-Outs über den USB-Anschluss beim X32).


Danke für die Rückmeldung. Also es geht hier nicht um ein konkretes Projekt, sondern lediglich um die Klärung von Fragen, die mir beim Lesen einer Diskussion in diesem Forum zum Thema Bigbandaufnahmen gekommen sind, weil dort der Kugelvorhang als mögliche Mikrofonierungsart eingebracht wurde.

Wichtig für mich aber die Unterscheidung zwischen Musikern die über eine PA oder ohne Verstärker spieeln. Wenn eine PA vorhanden ist, kann man sich ja ggf gleich in das Mischpult einklinken. Als ich letztes Jahr mit meiner Band ein Konzert hatte, habe ich mein Notebook einfach per USB an das Mischpult geklemmt und die Spuren mitgeschnitten.

Viele Grüße
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manjak
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Re: Kugelvorhang bzw. Mikrofonwand

Beitragvon manjak » 09.04.2017, 20:58

sleepytomcat hat geschrieben:
OK, die Rezeptbücher habe ich ja sowieso schon zur Makulatur gemacht und orientiere mich jetzt einfach mal, was es noch an Möglichkeiten gibt und in welchen Situationen die Sinn machen.
(manjak)

Das sollte mit Vorsicht geschehen… "Rezepte" beruhen oft auf dem Wissen und den Erfahrungen von Könnern. Sie geben damit Wege vor, die sich — aus ihrer Sicht — bewährt haben. Rezepte sollten ausprobiert, verstanden und bewertet werden, bevor sie zu "Makulatur" gemacht werden. Die meisten Rezepte-Anbieter sind keine Dummköpfe. Rezepte als per se als Makulatur zu bezeichnen kann schnell arrogant sein. Auch Ratschläge sind oft "Rezepte".


So war das nicht gemeint. Ich meinte das, was hier von Rainer schon mehrfach ins Spiel gebracht wurde, also man nehme folgendes Equipment, stellt das in genau dieser Weise auf und dann steuert man das so und so aus und dann hat man die perfekte Aufnahme. Faktisch also eine ganz konkrete Anleitung um ein ausgezeichnetes Ergebnis zu erhalten. So etwas gibt es nun einmal nicht und das meinte ich mit Rezeptbüchern die ich zur Makulatur gemacht habe.

Was Du meinst sind aus meiner Sicht Verfahren um eine Aufnahme zu machen. Also man hat ein bestimmtesHauptsystem und dann experimentiert man mit den Stützen und den Abmischungen, bis das Ergebnis stimmt. Diese Erfahrungen sindmir sehr wichtig und in diesem Forum auf diese Kompetenz von euch zurückgreifen zu können ist eine hervorragende Möglichkeit mein doch eher bescheidenes Wissen als Amateur zu erweitern. Aus diesem Grund stöbere ich auch regelmässig in alten Beiträgen und schaue, was sich da so findet und bringe bei Unklarheiten dann meine Fragen ein.Die Experimente folgen dann auf dem fuß, sobald sich für mich eine passende Gelegenheit bietet.

Hoffe, dass das jetzt klar herübergekommen ist!

sleepytomcat hat geschrieben:[Nichts desto Trotz soll jeder seinen eigenen Weg und seine eigene Arbeitsweise entwickeln, die das Verständnis von Zusammenhängen und das nachvollziehen von gemachten Erfahrungen voraussetzt.

Wg. "Auswinkelung" und "panpot-Einengung":

Ich beziehe mich hier auf Ausführungen von ebs, der das Auswinkeln von Druckempfängern in Hauptmikrofonen grundsätzlich ablehnt, warum? bitte in den Lehrbriefen nachlesen. Das Gleiche gilt für das einengen von Druckempfängern bei AB- und AB-Zumischsystemen. Bei Polymikrofonierungen ("Knüppel-Stereo") ist die Situation eine völlig andere und bei Mikrofonvorhängen kann es ähnlich sein.



Werde mal suchen, was ich zu diesen Themen finden kann.


viele grüße
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Re: Kugelvorhang bzw. Mikrofonwand

Beitragvon RainerG » 10.04.2017, 00:10

manjak hat geschrieben:
So war das nicht gemeint. Ich meinte das, was hier von Rainer schon mehrfach ins Spiel gebracht wurde, also man nehme folgendes Equipment, stellt das in genau dieser Weise auf und dann steuert man das so und so aus und dann hat man die perfekte Aufnahme. Faktisch also eine ganz konkrete Anleitung um ein ausgezeichnetes Ergebnis zu erhalten. So etwas gibt es nun einmal nicht und das meinte ich mit Rezeptbüchern die ich zur Makulatur gemacht habe.
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Hallo Manfred,

gerade wollte ich zu diesem Thema noch etwas schreiben, aber das kann ich mir jetzt weitestgehend sparen, denn Du hast genau das gesagt, was ich jetzt auch sagen wollte! :-) [Gedankenübertragung ? - weiß nicht...]

Ich habe das immer wieder bei unseren Studenten erlebt, die mir oft die Frage stellten: "Ich will eine Aufnahme machen von .... dies und das.... und das noch, was nehme ich da für ein Mikrofon? Kugel oder Niere oder was?"
Oder: "Wie nimmt man denn eine Gitarre auf?"

Diese Fragen sind falsch gestellt, weil sie auf ein SCHEMA hinauslaufen und letztlich einen ganz wichtigen Faktor ausklammern: Nämlich das HÖREN!. Aber auch der Faktor des Genres der Musik selbst und auch den Raum in dem sich die Darbietung abspielt.
Was sich noch bei vielen Anfängern als harnäckiger Aberglaube hält (aber ich denke doch, daß DU da schon erheblich weiter fortgeschritten bist!): Man kaufe sich hochwertiges und teures Equipment und schon sind gute Aufnahmen garantiert. Ein fataler Irrtum!
Ein Bekannter von mir der seinerzeit aus der "DDR" kam mußte gleich eine NAGRA IV-S und Neumann-Mikrofone haben (vermutlich um seinen Landsleuten in seiner Ex-Heimat zu imponieren was man im Westen alles kaufen kann...).
Später waren ihm die Neumann-Mikrofone nicht mehr gut genug und er kaufte sich Schoepse... Und er spann sogar später von einer NAGRA-D und von Bruel&Kjaer-Mikrofonen...
Wie oft hat er mich angerufen und gesagt: "Ich habe mir jetzt einen neuen... Verstärker....Tuner gekauft: Jetzt klingt's viel besser - viiiieeeel besser.
Ich habe ihn man gefragt: "Es klingt vieeel besser - wann klingt's denn mal 'GUT' "?
Aber: er hat mit seiner NAGRA und seinen Schoeps-Mikrofonen keine besseren Aufnahmen gemacht als ich damals mit meiner Revox-A-700 und meinen Neumannen.

Ich amüsiere mich ein wenig über die Seiten - und vor allem über die Kommentare - von "www.delamar.de".
Manches ist ja nicht ganz verkehrt, anderes wiederum ist einfach glatter Unfug.

So, und jetzt hat mich meine Frau gerade über unsere Haus-Telefonanlage zum Matratzenhorchdienst gerufen!
Schlaft alle gut!

Grüße
RainerG
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Re: Kugelvorhang bzw. Mikrofonwand

Beitragvon UweL » 10.04.2017, 14:11

... falls noch Informationsbedarf bezgl. Bigband-Aufnahme besteht:

Ist die Anzahl der zur Verfügung stehenden Kanäle und/oder Aufzeichnungsspuren das Problem? Solche Situationen habe ich immer wieder mal.

Ganz frühe Bigband-Aufnahmen sind mit ein (Mono) oder zwei (Stereo) Mikrofonen gemacht worden. Dazu muss man aber wissen, dass die frühen Bigbands in sich akustisch sehr homogen waren und auch die Anordnung der Musiker unterschiedlich zu heute war. Der (Kontra-) Bassist stand z.B. meist vor dem Flügel. In Film-Aufnahmen der frühen 1960er-Jahre kann man erkennen, dass auch das Drumset oft nur mit zwei Mikrofonen aufgenommen wurde. Eines stand vor der Bassdrum, das andere zeigte von der Hi-Hat-Seite von oben in Richtung Snare. Ich vermute, dass beide Mikrofone eine nierenförmige Charakteristik hatten.

Heute wird m.E. jede Bigband polymikrofoniert, darüber informiert sehr gut das Buch von Carlos Albrecht.

Ein Kompromiss kann sein, wenige Mikrofone in die Nähe der Sections zu stellen. Das praktiziere ich so, wenn ich Live-Videos meiner Bigband aufnehme. Da habe ich weder die Zeit, noch die Nerven oder den Platz für viel Material. Zwei Mikrofone vor den Trompeten, zwei vor den Posaunen, drei beim Saxofonsatz. Drums BD und ein oder zwei Overheads, Bass DI, Gitarre 1 Mikrofon vor den Amp, E-Piano über DI (Mono reicht, kann man später relativ einfach aufblasen), Vocal. Insgesamt also 13-14 Kanäle, evtl. noch Atmo-Mikrofone dazu. Beispiele kann man hier hören: http://lakesidejazz.de/videos.html. Teilweise sieht man die Mikrofonaufstellung ganz gut.

Gruß

Uwe

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Re: Kugelvorhang bzw. Mikrofonwand

Beitragvon manjak » 10.04.2017, 16:51

UweL hat geschrieben:... falls noch Informationsbedarf bezgl. Bigband-Aufnahme besteht:


Aber sicher doch!


UweL hat geschrieben:Ist die Anzahl der zur Verfügung stehenden Kanäle und/oder Aufzeichnungsspuren das Problem? Solche Situationen habe ich immer wieder mal.

Ganz frühe Bigband-Aufnahmen sind mit ein (Mono) oder zwei (Stereo) Mikrofonen gemacht worden. Dazu muss man aber wissen, dass die frühen Bigbands in sich akustisch sehr homogen waren und auch die Anordnung der Musiker unterschiedlich zu heute war. Der (Kontra-) Bassist stand z.B. meist vor dem Flügel. In Film-Aufnahmen der frühen 1960er-Jahre kann man erkennen, dass auch das Drumset oft nur mit zwei Mikrofonen aufgenommen wurde. Eines stand vor der Bassdrum, das andere zeigte von der Hi-Hat-Seite von oben in Richtung Snare. Ich vermute, dass beide Mikrofone eine nierenförmige Charakteristik hatten.

Heute wird m.E. jede Bigband polymikrofoniert, darüber informiert sehr gut das Buch von Carlos Albrecht.

Ein Kompromiss kann sein, wenige Mikrofone in die Nähe der Sections zu stellen. Das praktiziere ich so, wenn ich Live-Videos meiner Bigband aufnehme. Da habe ich weder die Zeit, noch die Nerven oder den Platz für viel Material. Zwei Mikrofone vor den Trompeten, zwei vor den Posaunen, drei beim Saxofonsatz. Drums BD und ein oder zwei Overheads, Bass DI, Gitarre 1 Mikrofon vor den Amp, E-Piano über DI (Mono reicht, kann man später relativ einfach aufblasen), Vocal. Insgesamt also 13-14 Kanäle, evtl. noch Atmo-Mikrofone dazu. Beispiele kann man hier hören: http://lakesidejazz.de/videos.html. Teilweise sieht man die Mikrofonaufstellung ganz gut.

Gruß

Uwe


Ich Frage mich jetzt ob Dein Beispiel für die Mikrofonierung Deiner Bigband nun unter die Rubrik "wenig Material" fällt und wenn ja, was Du unter "viel Material" verstehst. Im Beispiel haben die Gruppen ja alle ein Stützmikrofon. Oder geht man bei "viel Material" so vor, dass das Schlagzeug, wie bei Rockbands, voll mikrofoniert wird, also Mikros auch an der Snerre und den Toms und vielleicht beim Sax alt-, Tenor und Sopran eine eigene Stütze bekommen. Kanäle und Mikrofone wären im Fall der Fälle bei mir eher nicht das Problem.

Viele grüße
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Re: Kugelvorhang bzw. Mikrofonwand

Beitragvon Tonzauber » 10.04.2017, 16:53

"voll mikrofoniert" heißt bei einer Bigband (für mich) dass jedes Pult ein eigens Mikrofon bekommt.... :) das sind dann halt schnell mal 40+ Kanäle.
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